Cannes. Es gibt diesen Moment in einem Festival, an dem einem klar wird, dass man die Goldene Palme schon gesehen hat, und das, obwohl bis zum Redaktionsschluss zwei letzte Wettbewerbsbeiträge der 71. Filmfestspiele von Cannes noch gar nicht gezeigt wurden.

Den großen Konsens unter den Filmen in diesem Wettbewerb, den hat es Donnerstagabend gegeben, als "Capharnaüm" der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki hier gelaufen ist: Im offiziellen Screening gab es fast zehn Minuten stehende Ovationen, auch beim Pressescreening war der Jubel groß. Was also hat Labaki vollbracht? Sie erzählt in ihrem Film von perspektivenlosen Kindern im Libanon, die von ihren Eltern verkauft und versklavt werden, damit die Familien über die Runden kommen. Die 12-jährige Schwester des 13-jährigen Zain (Zain al Rafeea) wird an den Vermieter der Wohnung verkauft, damit die kinderreiche Familie weiter dort leben kann; Zain selbst hilft, sich und seine Geschwister durchzubringen. Jeder Tag ist mit Essensbeschaffung und dem Eindämmen des Wohnchaos verplant, menschenwürdig ist das nicht. Kinder ohne Zukunft wachsen hier auf.

Hass bleibt Hass

Aber es geht noch schlimmer, wie Zain im Verlauf des Films herausfinden wird. Mit einer unglaublichen Dichte und Nähe zu den Protagonisten schafft Labaki in ihrem Film eine beklemmende Atmosphäre, die auf einer wahren Begebenheit beruht: Zain, in seinem Jugendalter wegen eines Messerattentats zu fünf Jahren Haft verurteilt, verklagt seine Eltern vor Gericht, weil sie ihm das Leben geschenkt haben. Die Zuspitzung dieses Plots zeigt vor allem ein bisher kaum gesehenes Bild vom Lebensalltag im Nahen Osten, und von all den unglaublichen Dingen, die vor allem Kindern dort widerfahren. So ist "Capharnaüm" auch ein Versuch, zu erläutern, wieso diese Region nicht zur Ruhe kommen will: Weil eine Generation die eigenen Abgründe roh und ungefiltert an die nächste weitergibt. Hass wird zu Hass wird zu Hass.

Weil "Capharnaüm" als später Favorit ins Rennen um die Goldene Palme geht, die am Samstagabend verliehen wird, hat der Film andere potenzielle Kandidaten ein wenig aus der Wahrnehmung vertrieben: Spike Lees hervorragendes Drama (das mancher als Komödie verstanden hat) über ultrarechte Ku-Klux-Klan-Bewegungen in den USA (die "Wiener Zeitung" berichtete) hat ebenfalls große Chancen auf einen der Hauptpreise, weil Lee hier mit viel Verve das Thema Alltagsrassismus in seine Bestandteile zerlegt.

Nicht weniger preiswürdig wäre die Arbeit "Leto" des unter Hausarrest stehenden Russen Kirill Serebrennikov, der Putin als Unbequemer gilt, und dessen schwarzweißes Drama Aufschluss über das Russland kurz vor Beginn der Perestroika gibt. Auch "Cold War" des Polen Pawel Pawlikowski, der von einer unmöglich scheinenden Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs der 1950er Jahre erzählt, hätte Preise verdient. Die Italienerin Alice Rohrwacher sorgte mit ihrem märchenhaften "Lazzaro Felice" für eine nostalgische, aber auch brandaktuelle Satire über den Kapitalismus, und der Japaner Kore-eda Hirokazu lieferte mit "Shoplifters" seinen bisher besten Film ab. Sie alle bringen sich in Stellung um die Goldene Palme, in einem Jahrgang, der zu Beginn als schwach tituliert wurde, im Laufe des Festivals aber deutlich an Fahrt aufnahm.