Der Mann mit Hut und Sonnenbrille aka Tsuburaya erscheint zuerst, das japanische Teeritual zitierend, am Ende eines Tisches mit Tasse und Teekanne. Die Panels wirken jeweils wie eine Bühne. Die Rahmen aus rauen kalligrafischen Pinselstrichen stehen zueinander wie japanische Schriftzeichen. Diese offenen spartanischen Settings in Schwarzweiß und Grauschattierung kontrastieren mit den klar abgegrenzten Panels in Farbe mit satten Hintergründen, in denen Episoden mit Professor Mumufuku, den Außerirdischen oder nach choreografischen Regeln tanzenden Monstern dargestellt werden.

Auch die Monsterfilme sind Rituale. Teetrinken ist lediglich eine Urform des Rituals. Und das war Tsuburayas Anliegen: "Rituale inszenieren". Es ist eigentlich (fast) egal, worüber Nicolas Mahler einen Comic zeichnet. "Um die Handlung ist es mir nie gegangen." Der Satz von Tsuburaya könnte vom Autor selbst stammen. Im Kern sind Mahlers Comics immer auch Spiegelungen archetypische Konstellationen, so wie das Theater in einem komplexen Sinn Spiegelung ist.

"Ich, das sind die anderen", heißt es an einer Stelle in seinen autobiografischen Comics, den fantastischen "Goldgruber-Chroniken" (2017). Als genauer Beobachter nähert sich Mahler den Welten der anderen, die er sich selbst immer wieder neu und aufs Neue zunutze macht. Allerdings aus einer von ihm selbst bestimmten Distanz. Ob gefallene Superhelden oder wiederkehrende Urzeitmonster, ob Schund oder Schopenhauer, Proust oder Bernhard, Berührungsängste zeigt der Wiener Zeichner dabei keine.

Bild- und Sprachkünstler

Über die Jahre und Jahrzehnte hat er die Verbindung zwischen oben und unten, zwischen hoch und tief aufrechterhalten und zugleich den Beweis geliefert, dass es diese Unterschiede so gar nicht gibt. Stattdessen führt der Zeichner-Autor seine Leser immer wieder entlang des Grats zwischen Erhabenem und dem Lächerlichem.

Eine gewisse Vorliebe für Monster, Mörder und Vampire lässt sich vielleicht doch erkennen, denkt man an Musils Moosbrugger, Artmanns Frankenstein oder Jelineks Fremden. So schillernd sie sind, so wenig sind sie uns gänzlich fremd wie auch der Protagonist in Elfriede Jelineks "Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs", dem Prosadebüt der Nobelpreisträgerin, das Mahler zuletzt für eine Comic-Reihe mit dem Titel "Die Unheimlichen" inszeniert hat.

Der Fremde, der ein Vampir ist, hat viele Gesichter. "der fremde ist nicht der für den er sich ausgibt sondern ein anderer." Der Fremde ist hier der Außenseiter oder auch das verdrängte Begehrte. Stets zugleich Sprach- und Bildkünstler spielt Mahler virtuos mit dem vorliegenden Sprachmaterial Jelineks, verknüpft es nach eigenen Montageregeln mit Bildern aus Pop- und Filmgeschichte wie etwa Murnaus "Nosferatu" oder "Faust" und erfindet die Geschichte neu.

In "solar plexy", ebenfalls 2018 erschienen, montiert der Autor Textteile aus Erotikmagazinen der 1960er, 1970er Jahre zu Gedichten. Da geht es dann um "ausschweifende sexorgien", "potente jünglinge / und lüsterne mädchen". "das füllhorn des alltags / ist voll von reizstoffen / zum ärgern" und "es gibt tage / die haben den teufel gesehen". In seiner subversiven Unbekümmertheit ist für Mahler kein Kanon unantastbar und unangreifbar und kein Trash so schundig, dass man ihm nicht einen Sinn oder subtilen Unsinn entreißen könnte.