Für René Tardi war die Erinnerung ein Lebensauftrag. Immerzu hat er sich über die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg informiert. Tardis dialogische Inszenierung der Aufzeichnungen seines Vaters erlaubt Einblicke in eine hierzulande wenig bekannte Seite des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht eines französischen Kriegsgefangenen.

In der kurzen Zeit als Panzerfahrer erlebt er die Unorganisiertheit der französischen Armee, die Arroganz der Generäle und ihre Bereitschaft zur Kollaboration. Der Anblick jenes Toten, von seinem Panzer überrollt, wird ihn bis zu seinem Tod in Träumen verfolgen. "Ich habe genug vom Krieg und diesen Scheißpanzern!"

Ironisch pariert der Sohn die Wut- und Verzweiflungsanfälle seines Vaters: "Umso besser! Langsam hab ich keine Lust mehr, immer nur Tanks zu zeichnen!" Doch dann folgt die lange Zeit der Ungewissheit in deutscher Kriegsgefangenschaft: Vier Jahre, acht Monate! Kälte, nagender Hunger, Schläge, Demütigungen. Der Anblick vieler Grausamkeiten. - Im Winter 1945 verlassen die Gefangenen das Lager, vier weitere Monate marschieren sie bei Kälte und Hunger durch Deutschland. Im Mai 1945 kommt René Tardi, von seiner Frau Zette sehnlichst erwartet, in Frankreich an. Dass er noch einmal als Besatzungssoldat nach Deutschland zurückkehrt, weiß er da noch nicht.

Maurers Großvater gerät in Fahrt: "Auf gehts. Frankreich. Spanien. Holland. Nach Spanien bin ich tanken gefahren. Kann dir die Bilder zeigen." Als handle es sich um eine Rundreise, einen Urlaub, ein Abenteuer, erzählt er von Feldzügen. Aufzählung ist eines seiner Stilmittel: "Orléans, Paris, Dijon, Lyon, Bordeaux, Montpellier . . . das kenne ich alles." Großvaters Regiment der Waffen-SS, "Der Führer", das kann man nachlesen, war nahezu an allen Fronten im Einsatz.

Opfer und Täter

In Tulle und in Oradour-sur-Glane werden schreckliche Massaker gegen die Zivilbevölkerung verübt, Frauen und Kinder in eine Kirche gesperrt und angezündet. In kurzen emotionslosen Sätzen deutet der Großvater die grauenvollen Ereignisse an. Auch in Istra bei Moskau ist er bei einem Überfall auf das Kloster Neu-Jerusalem beteiligt. "Ich habe das Tor gesprengt. Drinnen hatten sich lauter Zivilisten verschanzt. Alte, Frauen und Kinder. Die haben geschrien, das kannst du dir nicht vorstellen. Das habe ich nicht verkraftet, wenn einer gewinselt hat." Was stört, ist das Schreien der Opfer. Der Täter selbst betrachtet sich als Opfer, das Schreien der wirklichen Opfer ist die Zumutung.

"Das ganze Bataillon, unser Bataillon ,Der Führer’ . . . sind als Kriegsverbrecher verurteilt worden." Das war dem Großvater bewusst. Aus diesem Grund hat er sich die Nummer, die allen SS-Männern an der Innenseite des Oberarms eintätowiert wurde, "auf der Flucht wieder rausgebrannt". Als wäre nichts geschehen, entledigt sich der SS-Mann der Nummer, die ihn als Verbrecher identifizieren würde. Er entledigt sich damit einer Geschichte, die für andere eine unbeschreibliche Schreckensgeschichte war, und er tut das mit einem Grinsen.