Wie lässt sich das zeichnen? Wie lässt sich dazu eine Form der Darstellung finden?

Bei Tardi sind es 439 großformatige Seiten. Jede enthält drei Querpanels. Unwillkürlich überträgt sich darin die Abwechs-lungslosigkeit der Gefangenschaft auf den Leser. Der Blick bleibt in den Kästchen gefangen. Hunderte Male variiert die Schwarzweißkolorierung von Tardis Tochter Rachel und Jean-Luc Ruault mit den vielen Schattierungen, Schraffuren und Nuancen die dunklen Wintertage. Lediglich der Witz, die Wut, die Satire René Tardis sowie das dialogische Hin und Her zwischen Vater und Sohn machen das Grau erträglich. Bis allmählich ein schwacher Blauton den Himmel aufhellt und im letzten Band sich öfters Farbe einmischt.

Tardi sucht die Nähe zur Geschichte seines Vaters, bricht sie aber liebevoll mit Ironie. Maurer und Hofer müssen sich vor allzu großer Nähe in Acht nehmen. "Das Interview war kaum zu ertragen. Wir mussten aufhören, wir wollten ihm nicht mehr länger eine Bühne bieten." Etwas Unheimliches durchflutet den Comic, das der Nähe des Enkels zum Großvater entströmt. Für dieses Unheimliche hat der Zeichner ein einprägsames Motiv gefunden: das der Insekten. Plötzlich sind sie da, tauchen auf, krabbeln irgendwo hervor: Ameisen, Käfer, Fliegen. Und immer wieder verwandeln sich Menschen in Insekten von grotesker Fremdheit.

In zwei ineinander verflochtenen Strängen verknüpft der Comic zwei sehr unterschiedliche Zeichenstile in Schwarzweiß: Während Hofer die aufgenommenen Erinnerungen als Comic umsetzt, zeichnet Maurer seine eigenen, in denen sein Opa sehr präsent ist. Der raue, ungeschönte Stil steht in starkem Kontrast zu den teils abstrakten formenreichen Zeichnungen Hofers, die ihrerseits einen Kontrapunkt zu den kargen Berichten des Großvaters setzen. Ein polyphones grafisches Erzählstück ist daraus entstanden, das auf verschiedenen Ebenen Gegenbilder entwirft und Gegenstimmen zu Großvaters Geschichte erhebt.

Verstörende Bilder

Die Seitengestaltung mit je vier Panels ist auch hier reduziert. Vielschichtig und vielgestaltig ist insbesondere in Hofers Passagen das Zusammenspiel zwischen Einzelbild und Seite. Ihre ästhetische Bildsprache verbindet mit einfachen Strichlisten Zitate, Schriftbilder, Utensilien des Naziregimes, die an dessen unzählbare Opfer denken lassen. Es ist der Versuch, die Enge des großväterlichen Erzähldiskurses zu sprengen und die Stimmen der vom Großvater ausgeklammerten Opfer zurückzuholen. Dina Proni-tschewas Zeugenaussage über die Massenermordung in Babyn Jar im Jahr 1941, die Auszüge aus Gedichten von Ilse Weber, im Ghetto von Theresienstadt verfasst, ehe sie mit ihrem Kind in Auschwitz ermordet wurde, übertönen am Ende die erinnerungslose Erzählung des Großvaters.