Was tut man als Verlag, um für die Fans die Wartezeit bis zum nächsten regulären Comicband zu überbrücken? Man holt einen Klassiker aus dem Archiv und überträgt ihn in verschiedene regionale Mundarten. Ein Rezept, das der deutsche Verlag Egmont seit Jahren mit Asterix und den unbeugsamen Galliern umsetzt. Soeben ist der fünfte Wienerisch-Band erschienen. "Es Brojeggd" (Original: "Die Trabantenstadt") ist Ernst Moldens zweite Dialekt-Übertragung nach "Kööch uman Asterix" ("Streit um Asterix").

Der kleine Gallier beherrscht inzwischen diverse Zungenschläge, von Kölsch über Bairisch bis Schwyzerdütsch. Und die Mundart-Übersetzer haben auch bei der Titelwahl recht freie Hand, so firmiert etwa "Die Trabantenstadt" in der ruhrdeutschen Version unter "Dingenskirchen", und auf Berlinerisch trifft Asterix "det Pyramidenluda" (vulgo Kleopatra). In Österreich hat auch schon Felix Mitterer eine tirolerische Ausgabe von "Obelix GmbH & Co. KG" verantwortet ("Obelix und’s groaße Geschäft", 1999). Für ihn war es "ein einziges großes Vergnügen, das größte, das ich je beim Schreiben hatte", sagt er im Rückblick. Auch, weil er "noch nie eine so witzige Beschreibung über die Entstehung und Auswirkungen des Kapitalismus gelesen" hat.

Autor Helmut Emersberger wurde im Opernball-Comic "duckifiziert" und schaut aus einer Loge heraus. - © Illustraton: 2020 Disney/Egmont Ehapa Media
Autor Helmut Emersberger wurde im Opernball-Comic "duckifiziert" und schaut aus einer Loge heraus. - © Illustraton: 2020 Disney/Egmont Ehapa Media

21 Jahre später quakt im Verlag Egmont nun auch Donald Duck auf Wienerisch, und zwar in der dritten Mundart-Spezialausgabe des "Lustigen Taschenbuchs" (nach München und Berlin). Die limitierte Edition zum Opernball war am Erscheinungstag binnen Stunden ausverkauft, noch ehe das Foto vom Bundespräsidenten im Frack mit dem "Lustigen Taschenbuch" in der Hand viral ging. Nun dürfte Egmont vom bisherigen "Krautfleckerlprinzip" der Tante Jolesch abkommen, erklärt Helmut Emersberger, der die Ducks ins Wienerische übertragen hat: "Die Auflagen der Sondereditionen waren bisher bewusst gering. Denn was ausgeht, wird zum Kult." Nun aber werde überlegt, ob man nicht doch "die Gulaschkanone anwerfen" solle.

Tabus und ein Nasenrammel

Bei Disney geht es übrigens ein wenig strenger zu als sonst, was den Production-Code betrifft, sagt Emersberger, der auch im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" tiefes Wienerisch pflegt. "Über Sex, Rausch, Politik, Tod, Religion und Körperflüssigkeiten - abgesehen von Schweiß und Tränen - darf nicht gesprochen werden." Rotz ist also tabu, trotzdem hat er es geschafft, einen Nasenrammel verklausuliert unterzubringen, meint er schmunzelnd. Die Asterix-Übersetzer müssen sich da offenbar weniger zurückhalten. Molden, der übrigens am 7. April mit ausgesuchten Asterix-Experten im Wiener Stadtsaal "Kööch uman Asterix" liest, attestiert Egmont, dass "die Menschen dort sehr liberal und konziliant sind". Sein Verzicht auf "das ultimative Schmähwort Wiens, das ‚Oaschloch‘", lag nicht am Verlag, sagt er: "Das hab ich für meine Liebste so gemacht."

Eingeengt fühlte sich aber auch Emersberger nicht; er bekam sogar vom Verlag eine Art Persilschein für eigenmächtige Textverbesserungen, den er in einem Vierseiter über Donald Duck und Daniel Düsentrieb tatsächlich einsetzte. Weil der Originaltext in einer Sprechblase für ihn wenig Sinn ergab, schrieb er sogar die Handlung ein wenig um. "Dem Verlag hat meine Änderung gefallen." Nur zwei Sprechblasen ließ er völlig unverändert: das "Har! Harhar!" der Panzerknacker.

Der Autor, der im letzten Bild der Opernball-Geschichte selbst "duckifiziert" wurde und rein zufällig auch die Donald’sche Ziffernfolge 313 im Autokennzeichen hat, wollte bei seiner Dialekt-Übertragung "nicht in die Falle tappen, in jeder Sprechblase maximal lustig sein zu müssen." Ein Prinzip, dem auch Molden bei Asterix gefolgt ist: "Das sind die lustigsten Comics der Welt. Man wird niemals witziger als René Goscinny und Albert Uderzo sein. Der Auftrag ist, deren Wuchtln in einen neuen Kulturraum zu tragen. Man muss also den Sound zur Konfliktsituation finden. Und das Wienerisch ist ein sehr differenzierter Slang. Ehe die Watschen kommt, gibt es bei uns noch immer zwei, drei verbale Vorstufen."

Im Sinne der Lesbarkeit hat Mitterer bei seinem Asterix den Dialekt "furchtbar übertrieben", sagt er. Zumal es ja auch nicht einen einzigen Tiroler Dialekt gibt. "Wenn man zum Beispiel den Ötztaler Dialekt so aufschreiben würde, wie er gesprochen wird, dann bräuchte man eine hochdeutsche Übersetzung dazu."

Bobos im Schrebergarten

Während Mitterer, der auch Schirmherr des Literaturpreises "Ohrenschmaus" (22. März im Theater in der Josefstadt) ist, bei dem unter anderen Dialektautoren ausgezeichnet werden, sogar einige Römernamen dialektisierte, hat sich Molden hier zurückgehalten: "Ich liebe die Namen in der deutschen Original-Übersetzung, von Zenturio Hasenfus bis Legionär Handzumgrus! Da muss man schon sehr tolle Ideen haben, um da besser zu sein."

In Entenhausen hat Emersberger auch eine Art kollektives Wiener Gedächtnis platziert, von Austropop-Zitaten über Kaiser Franz Joseph und Johann Nestroy bis Hans Krankl. Solche "Ostereier" haben natürlich auch Molden und Mitterer bei Asterix versteckt, wobei der Tiroler noch sprachlich eins draufsetzte: Die Gallier reden Tirolerisch, die römischen Besatzer Wienerisch. "Das nimmt natürlich das Klischee auf die Schaufel, dass die Tiroler mit dem Wasserkopf Wien nicht immer zufrieden waren", erklärt Mitterer. Was sagt der Wiener Molden dazu? "Bei mir ist die ganze Welt Wien. Wien ist groß genug, dass man innerhalb seiner Kulturgrenzen das Imperium Romanum und ein gallisches Dorf ansiedeln kann. Stellen Sie sich eine vereinsmäßig straff organisierte Wiener Schrebergartensiedlung vor, und dazu die Zentralgewalt, die dort, was weiß ich, eine Bobo-Mustersiedlung hinstellen will."

Freilich dachte Molden darüber nach, zumindest den ausländischen Nachtarbeitern im "Brojeggd" eigene Dialekte zu geben. "Aber sowas ist gefährlich. Im günstigsten Fall wird’s nur folkloristisch, und das ist unangenehm. Gastarbeiter haben selbstverständlich ihr Wienerisch, ihr ureigenes. Und wenn man das Wienerisch Schicht für Schicht untersucht, merkt man, dass es über die Jahrhunderte aus zig Gastarbeitersprachen mitgeformt wurde." Umgekehrt fließt auch heutige Jugendsprache mit ein, meint Emersberger. "Die Sprache ist immer Veränderungen unterworfen, daher kann ich mich gar nicht auf eine Reinheitsdebatte einlassen."

Am Ende ist nur noch festzuhalten: "De san augrennd, de Röma!" Beziehungsweise: "De hobm an Stroach, de Röma!"•