Gut, derzeit ist zwar wieder die Saison für ein ganz anderes Musikgenre: Wenn uns "Last Christmas" wieder weismachen will, dass Schnee so supertoll ist und Bing Crosby Fake News von "White Christmas" verbreitet. Aber die Realität schaut bekanntlich anders aus. Beim Anblick des grauen Stadtschneematsches kann einem schon eine andere Melodie in den Sinn kommen. Mit den Worten "All the leaves are brown and the sky is grey" beginnt sie und gehört zu einem der berühmtesten und meistgecoverten Popsongs der Geschichte: "California Dreamin’", diese Sehnsuchtshymne und Hippie-Erkennungsmusik. Wahrscheinlich tausendmal gehört, schafft sie es immer noch, die Instant-Leichtigkeit, die man gemeinhin mit den idealisierten 60ern verbindet, zu wecken.

Ellens erste Begegnung mit ihrer Gesangslehrerin. - © Reprodukt
Ellens erste Begegnung mit ihrer Gesangslehrerin. - © Reprodukt

Penelope Bagieu erzählt in ihrer Graphic Novel "California dreamin‘" die Entstehungsgeschichte dieses Liedes. Im Mittelpunkt ihrer Erzählung steht die Sängerin der Band The Mamas and the Papas, Cass Elliot. Sie sollte später den kalifornischen Traum als gefeierte Künstlerin und begehrte Socialite leben. Doch auf den ersten Seiten zeigt sich, dass die kuschlig warme Westküste nicht das ursprüngliche Ziel in Elliots Karrierebestrebungen war. Es zog sie erst an den Broadway in New York.

Schnell, ein Stift!

Aus verschiedenen Perspektiven verfolgt das Buch "Mama" Cass’ Weg zu ihrem ersten Welterfolg. 1941 kommt sie als Ellen Naomi Cohen in einer jüdischen Familie in Baltimore zur Welt. Von Vater Phil stammt die Liebe zur Musik - er wollte eigentlich Opernsänger werden und nimmt seine Tochter auch als kleines Mädchen zu ihrem Geburtstag in "La Bohème" mit. Wenn das nicht historisch verbrieft ist, ist es zumindest charmant erfunden: Im Bohemien-Stil sollte Ellen ja noch Meisterschaft erlangen.

Kreative Freiheiten nimmt sich Penelope Bagieu schon einige in der Erzählung. Die Komposition des berühmten Songs findet hier in der Garage ihrer Familie statt, obwohl das Lied laut Songschreiber John Philipps in New York gemeinsam mit seiner Frau Michelle entstanden ist - noch vor Formierung der "The Mamas and the Papas". Trotzdem ist diese Schlüsselszene der Graphic Novel mit ihren Gras-Rauchschwaden und den verlangsamten Akteuren, bei denen man mitfiebert, dass sie den Stift zum Notieren der Gedanken vor deren drogenbedingter Verpuffung noch rechtzeitig finden, eine besonders schöne. An den Substanzen könnte es ja auch liegen, dass die Erinnerung nicht mehr ganz so belastbar ist. Außerdem wird genau diese Episode aus Sicht von Cass’ Mutter erzählt - eine jeglichen Spompanadeln absolut abgeneigte Frau, die ihre jüngere Tochter verschwörerisch, aber auch ein wenig unsicher anraunt: "Ich glaube, deine Schwester nimmt Drogen."

Dass Mama Cass später in Los Angeles zur "Hippie-Salondame" werden sollte, deren ungezwungene Gartenpartys Legende waren, deutet sich schon an. An Wochenenden, so erzählte sie einmal, kaufte sie "einen Haufen Delikatessen ein, denn ich wusste, David Crosby wird zum Schwimmen vorbeikommen und dann wird allerlei geschehen." Auf ihrer Wiese picknickten Kaliber wie Joni Mitchell und Eric Clapton und Neil Young spielte sein neuestes Lied vor. All dies ist nicht Teil der Graphic Novel, wohl aber der Weg dahin: Schon in der Schulzeit ist Ellen eine gesellige Zeitgenossin und liebt es, sich mit Selbstdarstellung in den Mittelpunkt zu bugsieren.

Dick da - eben nicht

Aber auch die Rückschläge der Sängerin auf ihrem Weg sind in dem Comic Thema: Zum einen der Tod des Vaters, der im berührendsten und zugleich lustigsten Kapitel des Buchs geschildert wird. Und zum anderen die Diskriminierung, die die Künstlerin wegen ihrer Leibesfülle hinnehmen musste: Ein Plattenvertrag war da schon einmal mit einer Diätforderung verbunden.

Das traurige und viel zu frühe Ende von "Mama" Cass (mit 33) ist in diesem beschwingten Buch kein Thema, wohl aber die Zerreißproben, mit denen Bands mit ihren zwischenmenschlichen Dynamiken - etwa unerfüllter Liebe - konfrontiert sind. Bagieu ist ein lebendiges Porträt einer beeindruckenden Pop-Persönlichkeit gelungen, nach dessen Lektüre man sogleich eine Platte von ihr auflegen will. Und die Heizung ein bisschen hochstellen.