Der amerikanischste aller Helden: Superman No. 24, gezeichnet von Jack Burnley, 1943. - © DC Comics
Der amerikanischste aller Helden: Superman No. 24, gezeichnet von Jack Burnley, 1943. - © DC Comics

Mitte der 50er Jahre war George Reeves ein Superstar. Jedes Kind kannte ihn, weil er zwischen 1952 und 1958 in 104 Folgen der TV-Serie "Superman - Retter in der Not" in das Kostüm des Titelhelden schlüpfte. Vor dem Filmstudio campierten seine Fans, die Kinder, und gerne ließ Reeves sie in dem Glauben, er wäre ein echter Held. Ben Affleck hat diesem Mann in "Hollywoodland" (2006) ein Denkmal gesetzt. Nach Einstellung der Serie bekam Reeves kaum noch Rollen, denn das Heldenkostüm ging nicht ab. Der Tag, an dem Superman starb, war der 16. Juni 1959. Da schoss sich Reeves eine Kugel in den Kopf.

Christopher Reeve, trotz der Namensähnlichkeit kein Verwandter des Toten, übernahm 1978 die Rolle in "Superman", einer der wichtigsten Comicverfilmungen der Filmgeschichte, weil sie den Boden bereitete für den Comicfilm-Boom der letzten Dekade. Auch Reeve ist eine tragische Figur: Nach einem Reitunfall 1995 war er bis zu seinem Tod 2004 vom Kopf abwärts gelähmt.

Zwei Supermänner und ihr Ende. In der Comic-Sprache würde man sagen: Über den Darstellern von Superman, jener amerikanischsten aller Heldenfiguren, liegt so etwas wie ein Fluch. Wahr ist: Die Schicksale von Reeve und Reeves stellen die Verhältnisse wieder her, die dieser Held entrückt hat. Superkräfte gibt es nicht, und auch fliegen kann er nicht, der Mensch.

Genau darin lag aber das Konzept dieses "Übermenschen", eines Immigranten vom fernen Planeten Krypton, den Jerry Siegel und Joe Shuster Mitte der 30er Jahre erdachten. Clark Kent sollte übernatürliche Kräfte haben, die er dem Guten widmet; das Konzept von Nietzsches "Übermensch" schwingt da stark mit, und letztlich auch die Tatsache, dass Nietzsche von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde, um Hitlers Idee von der "Herrenrasse" philosophisch zu legitimieren.

Was Superman mit Hitler zu tun hat

Superman und Hitler? Geht das zusammen? Doch, das geht. Denn es war die Zeit, in der Hitler in Europa an Bedeutung gewann, als man in Amerika für bunte kleine Heftchen Helden mit außergewöhnlichen Fähigkeiten erfand. Superman war der Gegenentwurf zu einem immer bedrohlicher werdenden System globaler, menschenverachtender Politik: Er repräsentierte das Bild, wie Amerika sein wollte - eine weithin sichtbare, unschlagbare Macht, die sich für das Gute hält und der man sich besser nicht entgegenstellt. Im Juni 1938 veröffentlichte National Publications die erste Ausgabe von "Action Comics", auf dessen Titel Superman ein Auto stemmte. "Superman ist ein Jude", sagte Joseph Goebbels 1942, und ließ die Comics in Deutschland verbieten.

Denn das sogenannte "Golden Age" der amerikanischen Comics, das zwischen 1938 und 1956 datiert wird, war durchwegs von jüdischen Autoren, Zeichnern und Verlegern bestimmt: Siegel und Shuster waren Söhne jüdischer Einwanderer, ebenso wie Batman-Erfinder Bob Kane (geboren als Robert Kahn), oder auch Joe Simon und Jack Kirby, die beiden Schöpfer von Captain America. Die Comicverlage nutzten nach Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg ihre Hefte auch für US-Propaganda: Immer wieder kämpften Helden wie Superman, Batman oder Daredevil gegen Hitler höchstpersönlich. 1943 zeichneten Siegel und Shuster eine Geschichte, in der Superman zunächst Hitler entführt und dann mit ihm bei Stalin vorbeifliegt (Superman zu Stalin: "Joe, meet Adolf!"). Superman packt beide an der Schulter und liefert sie beim Internationalen Gerichtshof in Genf ab. Der Richter verurteilt sie: "Adolf Hitler and Josef Stalin - we pronounce you guilty of modern history’s greatest crime - unprovoked aggression against defenseless countries." Mit Superman wäre Hitler leicht zu besiegen gewesen, oder der Krieg hätte vermutlich gar nicht stattgefunden.

Der "Übermensch" von Nietzsche war die Theorie, die Superman in seinen Abenteuern praktizieren durfte. Auch im Kalten Krieg wurde Superman immer wieder als politisches Propaganda-Instrument eingesetzt. Er war der Held der Freiheit, der das US-amerikanische Lebensgefühl propagierte; Freiheit durch Macht, durch Stärke, durch eisernen Willen. Seine Abenteuer waren immer mehr als bloße Unterhaltung; sie sollten auch volkserzieherisch wirken. Schon in den 40er Jahren erklärte Superman der Jugend auf Plakaten, dass Schwimmen, Laufen und tägliche Klimmzüge zu einem gesunden Lebensstil gehören. Auf das ein jeder über sich selbst hinauswachse, natürlich nur konform zu den stolzen Werten der Vereinigten Staaten.

Wann immer Superman selbst in Schwierigkeiten steckte, holten ihn seine Schöpfer bei DC Comics mit großer Kraftanstrengung aus dem Dilemma. In den 70er und 80er Jahren verloren Comics wegen des Niedergangs der Zeitungskioske massiv an Lesern, also versuchte man, mit einem Kinofilm nachzuhelfen: "Superman" (1978) und seine drei Sequels waren übergroße Marketing-Aktionen zur Absatzsteigerung der eigenen Marke. 1989 hat man das Ganze mit "Batman" noch erfolgreicher wiederholt.