Wien. Lange war ihre Lektüre verbannt an bestimmte Orte. Hinter Toilettentüren und unter Bettdecken hat man sich vergraben in die Sprechblasen voller "Ka-buffs", "Boings!" und "Seufzs". Nur die Verwegensten trauten sich mit ihren Heften in die Öffentlichkeit und riskierten Tadel von Eltern und Lehrern angesichts der vermeintlichen WortRülps-Unterhaltung.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute werden in aller Öffentlichkeit Comics gelesen. In Wien hat die Soziologin Teresa Lukas seit April dafür extra einen Raum geschaffen. In einem Jahrmarktwagen an der U4-Station Pilgramgasse und dem Wientalradweg bietet sie in der "Comics-Box" 554 Comic-Hefte vor Ort kostenlos zum Verleih an. Auf Liegestühlen können hier Comic-Aficionados ihrer Leidenschaft frönen, sei das mit Donald Duck, glupschäugigen Manga-Mädchen oder den von Sinnkrisen geschüttelten Charakteren diverser Graphic Novels. Heute, Freitag, lädt die Comics-Box erstmals zur "Langen Nacht der Comics" ein. Bis 23 Uhr kann man sich dann durch die kleine Bibliothek mit der Spider-Man-Figur auf dem Dach stöbern.

Von Polizeipräsidenten und Zwergen mit dicken Nasen

Lange hat Lukas an dem Konzept für die Comics-Box gewerkt. Jahrelang haben sie und ihre Kollegen von der Gebietsbetreuung für Stadtentwicklung für den 5. und 12. Bezirk überlegt, wie sie den Ort an der U4-Station mit Literatur bespielen können. Eingekesselt von AMS, Magistrat und Hotel ist man hier mit einer besonderen Klientel konfrontiert: Wartenden. "Wir haben uns überlegt, was passt zu dem Ort", erzählt Lukas, "und bei Comics kann man schnell ein-und aussteigen."

Dankbar wurde das Angebot angenommen. Von den älteren Männern, die ihre Kindheit mit Abenteuern von Batman und Lucky Luck so wieder erleben können; von Jugendlichen, die nach den japanischen Animefiguren verlangen; und von Kindern, die sich vor allem Spongebob Schwammkopf wünschen, jenen gelben Schwamm, der fast schon ein dadaistisches Dasein auf dem Meeresgrund führt. Sachte versucht Lukas sie dann auch für neue Werke zu begeistern, wie beispielsweise "Hilda und der Mitternachtsriese", die Geschichte eines Mädchens mit blauen Haaren, das wundersame Abenteuer mit Trollen, Holzmännern und "Flugpelzern" erlebt.

"Ich sehe die Box schon auch als Bildungsauftrag", sagt Lukas. Nicht umsonst hat sie vor allem die Arbeiten österreichischer Künstler ganz vorne in der Vitrine platziert. Da findet man Walter Fröhlichs "CSEI Meidling", in dem Stefan Weber alias Drahdiwaberl als Polizeipräsident Wiens Schurken-Sumpf trockenlegt, oder "1160, Ottakring" von Franz Süss, in der ein "schlecht rasierter Zwerg mit einer dicken Nase" lakonisch sein Leben inmitten der Yppenplatz-Bohème reflektiert.

"Es passiert recht viel", diagnostiziert Gerhard Förster den Zustand der heimischen Comic-Szene. Der 58-Jährige ist österreichisches Comic-Urgestein. Seit 35 Jahren schreibt er für das Comic-Fachmagazin "Die Sprechblase". Und er organisiert den legendären Comiczeichner Stammtisch im Café Rüdigerhof in der Hamburgerstraße im 5. Bezirk. Hier treffen sich jeden zweiten Mittwoch des Monats rund 20 Männer und Frauen, die Jungen, deren Stil von den Mangas beeinflusst ist, und die Älteren, die davon nichts wissen wollen. Seit knapp einem Jahr bringt das Kollektiv mit "Tisch 14" auch ihr eigenes Magazin heraus. Viel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, beobachtet Förster. Früher wurde seine Leidenschaft als seichte Kinderei, gar Schund und Schmutz abgetan. Journalisten erwarteten sich von ihm, in Comic-Wörtern wie "Autsch!" und "Peng!" zu sprechen.

Gedrückt war die Stimmung über viele Jahre in der Comic-Szene. Auf diversen Messen wurde immer wieder der Untergang der Comics prophezeit. Eingetreten ist die Prophezeiung nicht. Im Gegenteil. "Der Boom ist durch die Graphic Novel gekommen", sagt Förster. "Sie hat das Vorurteil gegenüber Comics durchbrochen."

Komplex und anspruchsvoll sind jene Bildbände, sie erzählen von Biografien, Konflikten und Traumata. Längst haben sie ihren fixen Platz in den Sortimenten der großen Buchverlage gefunden. Das Ghettodasein in den zwölf ausgewählten Comic-Tempeln der Stadt hat ein Ende. Ebenso das Versteck unter den muffigen Bettdecken und in aromatischen Klosetts. Heute werden sie in Freiheit vor den Augen aller gelesen. Und heute nacht ist erst der Anfang.