Der italienische Comicautor und Verleger Igort, alias Igor Tivuri, ist 2008/09 fast zwei Jahre lang durch die Ukraine und Russland gereist: "Ich wollte wissen, wie das Leben dort während und nach dem Kommunismus gewesen ist." Dabei folgte der Autor, dessen Mutter Russin war, auch einer Spur aus seiner Kindheit. Seine Aufzeichnungen, "Berichte aus der Ukraine. Erinnerungen an die Zeit der UdSSR", stellen eine erschütternde Archäologie ukrainischer Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts dar.

Im Mittelpunkt stehen die Lebensläufe von Serafima Andrejewna, Nikolai Wassiljewitsch, Maria Iwanowna, geboren allesamt Ende der 1920er Jahre. Sie hatten das Unglück, Kinder zu sein, als das sowjetische Imperium Anfang der 1930er Jahre gleichsam als Teil eines Fünfjahresplans in der Ukraine eine groß angelegte Hungerkatastrophe auslöste, den Holodomor. "Die Hungersnot war geplant. Das bezeugen Dokumente." Das Land wurde abgeriegelt, die Getreidereserven wurden in großem Stil zwangsbeschlagnahmt.

Liquidierung der Großbauern

Diese stalinistische Maßnahme sollte der "Entkulakisierung" dienen, also der Liquidierung der als konterrevolutionär betrachteten Großbauern, der Kulaken, und somit dem Programm der Kollektivierung. Damit einher gingen planmäßige massenweise Enteignungen, Deportationen und Exekutionen, die außerdem bei weitem nicht allein Großbauern trafen. Die Folgen für die ukrainische Bevölkerung waren verheerend. Die Hungersnot nahm ein derartiges Ausmaß an, dass die Menschen selbst Tierkadaver verzehrten, sogar zahlreiche Fälle von Kannibalismus wurden gemeldet: Kinder, selbst Erwachsene wurden überfallen und ermordet. Umstände, die der russischen Führung keinesfalls entgingen, sondern in Berichten über die fristgerechte Durchführung der Deportationen sorgfältig festgehalten wurden. Die Zahl der Todesopfer beträgt schauderhafte fünf bis sieben Millionen Menschen.

Seine Gesprächspartner, einfache, unscheinbare Menschen, hat Igort auf der Straße, am Markt bemerkt. "Ich habe mir die Geschichten mit gespitzten Ohren angehört und beschlossen, sie zu zeichnen. Ich konnte sie einfach nicht für mich behalten." Es sind herzzerreißende Lebensgeschichten, die tief in die kollektiven Traumata hinabreichen und dabei, unfassbar in ihrer Bitterkeit, auch die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft herausfordern. Es sind zugleich aber auch unglaubliche Zeugnisse des Überlebens, von Überlebenswillen und Überlebenskraft. Indem die Gespräche mit historischen Dokumenten und Belegen aus der Sowjetzeit wechseln, machen sie umso deutlicher, wie sehr sich in ihnen die sogenannte Große Geschichte widerspiegelt.

Die Verbindung zwischen Reisebericht, Oral History und historischer Dokumentation erinnert an Joe Saccos "Gaza" (2011), worin der Pionier der Comicreportage mit Hilfe von Zeitzeugen zwei historische Ereignisse rekonstruiert, die als palästinensische Traumata unter der Oberfläche der Gegenwart schwelen. Ästhetisch findet Igort, der im deutschsprachigen Raum mit seinem im Mafiamilieu angesiedelten und 2003 auf der Frankfurter Buchmesse als Bester Comic des Jahres ausgezeichneten Comicroman "5 ist die perfekte Zahl" (2002) erstmals bekannt wurde, bemerkenswert eigene Wege.

Zerbrechliche und schattenhafte Figuren

Sein dünner Bleistiftstrich und die fahle Kolorierung verleihen den Figuren etwas von ihrer Zerbrechlichkeit und Schattenhaftigkeit angesichts der viel härteren Realität jener Größeren Geschichte. In zeichnerischen Überblendungen erlangen die Bilder oftmals die Dichte und Vielschichtigkeit von Gemälden, die mit den Schwarz-Weiß-Illustrationen des historischen Materials kontrastieren. Aus dem Reichtum subtiler ästhetischer Motive springen die wiederkehrenden Knäuel aus Bleistiftfäden ins Auge, die auf eine Metapher des Autors selbst anspielen: die "unverdauten Knäuel", zu denen sich hier Existenzen geformt haben. Igorts Comics sind einzigartige Beispiele ihrer mühevollen Entwirrung.

Wiewohl die "Berichte aus der Ukraine" nicht unmittelbar die gegenwärtige Situation im Visier haben, liefern sie eine anschauliche Basis für ein Verständnis aktueller Ereignisse und der Zerrissenheit des Landes, die nämlich durchaus auch in seiner Geschichte gründet. Unmittelbar weiterführend, allerdings nicht weniger erschütternd sind Igorts "Berichte aus Russland", die auf den Spuren Anna Politkowskajas "den vergessenen Krieg im Kaukasus" aufrollen und Bausteine einer putinesken "Demokratur" ins Licht rücken.