Während Rashid die lebensgefährliche Reise übers Meer überlebt, erwartet ihn auf der anderen Seite ein zäher Überlebenskampf als Arbeiter in den Plastik-Gewächshäusern unter sklavenähnlichen Bedingungen, was der Comic in seiner ganzen Vielschichtigkeit präzise darstellt. Dass die andalusische Intensivkultur - wie der Fachbegriff für die auf Anwendung intensiver Düngemittel und Pestizide fußende Anbauindustrie lautet - auch als "Plastikmeer" bezeichnet wird, drängt unfreiwillig ein zweites Mal das Bild des unaufhörlich vom Ertrinken Bedrohten auf. Und noch eines setzt sich fort: "Europa sieht vom Meer auch nicht anders als Afrika aus", hatte Rashid auf der Überfahrt festgestellt. Jetzt, angesichts des Plastikplanenmeers bestätigt sich diese "hnlichkeit, als trostlose Ernüchterung: "Ganz .. . wie Guadalupe, der Slum . . . um meine Heimatstadt." Das bittere Ende einer Illusion dauert an.

Tietäväinens Zeichnungen, sein gelegentlich grober Strich, mögen mitunter gewöhnungsbedürftig sein, bemerkenswert ist jedoch, wie sein Comic eine ganze Reihe von Fragen zur Sprache bringt: Welche Überlegungen und Sachzwänge gehen einer Flucht voraus? Wie ticken die Schlepperfirmen und welche Schlingen und Fallen legen sie? Welche persönlichen Konflikte ergeben sich für die Betroffenen in Europa? Welche Rolle spielen Religion und ethnische Zugehörigkeit? Und wie funktioniert das System der "illegalen" Arbeitgeber?

Komplexe Figuren

Ohne Beschönigung gibt Tietäväinen den Figuren die Komplexität zurück, die ihnen nur allzu oft abgesprochen wird. Unüberhörbar ist allerdings auch der Aufruf an Europa: Das System der Ausbeutung dokumentenloser Migranten in Almería (was auf Arabisch mit unbeabsichtigtem Zynismus "Meeresspiegel" heißt) trägt Züge eines dislozierten (Post-)Kolonialismus und stellt die Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik der EU zutiefst infrage. "Es ist ein unglückseliger Kreislauf", so der Autor, "für den die EU mitverantwortlich ist." Indem sie zulässt, dass ein ganzer Kontinent mit Billiggemüse versorgt wird, das unter menschenunwürdigen Verhältnissen produziert wird. Indem sie dieses Wirtschaftsmodell tatsächlich jahrelang subventioniert (hat). Indem sie in den Ausbau der "Festung Europa" unverhältnismäßig viel mehr investiert als in die Beseitigung der Ursachen der Ausbeutung.

Neben all den erschütternden Geschichten kommt es im Comic immer wieder auch zu berührenden Szenen und melancholischen Bildern. Von einem mauretanischen Reisegefährten erhält Rashid einen Walkman mit Liedern eines finnischen Schlagersängers: Die Liedtexte, die im Comic als rätselhafte Geheimwörter unübersetzt bleiben, erzählen, so Tietäväinen in einem Interview, von Heimweh und Einsamkeit finnischer Gastarbeiter im Ausland. Europa hätte die Voraussetzungen, dies besser zu verstehen.