Der französische Comiczeichner Jacques Tardi. - © Albert Olive / efe / picturedesk.com
Der französische Comiczeichner Jacques Tardi. - © Albert Olive / efe / picturedesk.com

Schwarze, verbrannte Erde, Mondlandschaften: verkohlt, verwüstet, umgepflügt mit Sprengmaterial aller Art, mehrfach. Jacques Tardis Bilder zum Ersten Weltkrieg brennen sich ein. Grotesker "Baumschmuck" – ein halbes Pferd im Geäst, offenbar durch eine Explosion dorthin befördert. Schützengräben, Granatentrichterseen, Stacheldrahtverhaue zwischen den feindlichen Linien im Niemandsland. In dem Stacheldrahtzaun hat sich ein Soldat verheddert, er ist angeschossen, niemand wird ihn da rausholen, er gleicht einem Insekt in einem Spinnennetz.

Tardi gehört zu den angesehensten Comiczeichnern der Gegenwart, ausgezeichnet unter anderem mit dem Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk. Den Orden der Ehrenlegion, die höchste Ehrenbezeugung des französischen Staates, hat der Franzose zuletzt selbstredend abgelehnt. Bekannt wurde er mit der Reihe "Adeles ungewöhnliche Abenteuer", mit seinen ebenso legendären Romanadaptionen um Detektiv Nestor Burma sowie mit seiner Chronik zur Pariser Kommune: "Die Macht des Volkes". Er ist ein Meister des Comic-Noir, unverwechselbar sind seine monochromen Zeichnungen in Schwarz-Grau-Weiß mit unzähligen Abstufungen.

Der Erste Weltkrieg ist vor allem ein Grabenkrieg, der sich in den kilometerlangen Schützengräben abspielt, zwischen Regen, Ratten, Schlamm, Granaten. "Wir waren Wühlmäuse geworden, gewissenhaft damit beschäftigt, unsere eigenen Massengräber zu schaufeln." Tardis Soldaten sind eine Legierung aus Knochen, Schlamm und Dreck. Die Gemetzel verwandeln sie "in einen Brei aus Eingeweiden und Schlamm, in Knochensplitter und zerfetztes Fleisch, zerrissene Körper, menschliche Überreste, unerträglich anzusehen … ein einziger Horror!" Die Bilder verwandeln sich in Vexierbilder, die Fragmente des Schreckens muss sich der Leser/Betrachter selbst zusammenklauben. Unmissverständlich bleiben Tardis Antikriegscomics dennoch: "[W]eil man jedem ein Gewehr gegeben hat, konnte nichts rauskommen als Mord und Totschlag." Aber zugleich sind sie geprägt von Witz und Sarkasmus, und ihre Figuren besitzen Humor, zumindest in seiner besonderen Spielart als Galgenhumor.

Ein Netz von Bezügen zu Klassikern der Antikriegsliteratur wie Louis-Ferdinand Célines "Reise bis ans Ende der Nacht", Gabriel Chevalliers "Heldenangst" oder Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" umspannt die Comics mit Anspielungen, Parallelen, direkten und indirekten Zitaten. Wer allerdings bei dem Zeichner, Jahrgang 1946, das Interesse ausgerechnet für den Ersten Weltkrieg geweckt hat, war sein Großvater, der den Krieg in den Schützengräben überstanden hatte. Seine Geschichten, die bereits den Fünfjährigen mit Schrecken erfüllten, stellen offenbar eine unauslöschliche Quelle für den Zeichner dar, die bis in die Gegenwart nicht versiegt ist.