Neben einem Frühwerk, "Die wahre Geschichte vom unbekannten Soldaten!" (1974), und "Soldat Varlot" (1999) – eine Figur, die aus seiner Romanadaption von Daeninckx Didier, "Den Letzten beißen die Hunde" (1997), entnommen ist –, hat Tardi zwei unbestrittene Meisterwerke dieser Art geschaffen: "Grabenkrieg" (1983/1993) und "Elender Krieg. 1914–1919" (2008/2009), ihre deutschsprachige Neuauflage in diesem Jahr war unvermeidlich! Inzwischen kommt auch ein Comic über den Zweiten Weltkrieg dazu, "Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B", den Tardi anhand von Erinnerungen und Aufzeichnungen seines Vaters über dessen fünfjährige Gefangenschaft in deutschen Stammlagern angefertigt hat. Zusammen ergeben sie ein Denkmal gegen den Krieg, das einzigartig dasteht, ohne alle Monumentalität und Heldenmütigkeit jeglicher Art.

Joe Sacco, der Pionier der Comicreportage ("Palestina", "Bosien" und "Gaza"), hat zuletzt mit "Der Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme" ein Panoramabild eines Kriegstages gezeichnet: ein Leporello, bestehend aus 24 Tafeln. Nicht irgendeines Tages, sondern des 1. Juli 1916, des ersten Tages der Schlacht an der Somme, bekannt dafür, dass sie besonders vielen Soldaten das Leben gekostet hat, beispielhaft für einen Tag in diesem Krieg, an dem ein Plan schiefging, mit entsetzlichen Verlusten als Folge. Saccos detailreiches Panoramabild oder Breughel‘sches Schreckensbild ist die zeichnerische Inventarisierung eines Kriegstages und gleichsam objektive Darstellung dessen, "was zwischen dem Befehl des Generals und dem Grab geschah".

Tardis Comics sind ein komplementäres Gegenbild dazu: Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen, Wahrnehmungen und Überlegungen einfacher Soldaten. Jener "arme[n] Schlucker", die, ohne gefragt zu werden, massenweise als Kanonenfutter eingesetzt wurden. Es ist die Wucht der subjektiven Perspektive, mit der Tardis Figuren dem Krieg entgegentreten. Worauf sie sich dabei verlassen können, ist oftmals nur die nackte Angst. "Schiss" und "Schiss in der Hose" werden zu den Garanten einer ernüchternden Erkenntnis, die den Mythos von Heldentum, Vaterland, Ehre demontiert und den Krieg als "sinnlose[s] Gemetzel" und "widerwärtigen Massensuizid" begreift, letztlich als "Scheißkrieg", wie man den Originaltitel von "Elender Krieg", "Putain de guerre!", auch übersetzen könnte.

Dennoch besitzen Tardis Zeichnungen nahezu eine dokumentarische Qualität, und viele Details stellen historisch präzise Querverweise her. Diese außergewöhnliche Genauigkeit in seinen Bildern verdankt der Zeichner auch seiner jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit dem Historiker Jean-Pierre Verney. In "Elender Krieg" sind die Etappen des Kriegsverlaufs entlang diverser Frontverschiebungen und Schlachten (an der Marne, in Verdun, an der Somme) als Hintergrund mitskizziert. Verneys ausführliche historische Schilderung der Kriegsereignisse, ergänzt um zahlreiche Fotos und Karten, macht Details und Bezüge in den Zeichnungen oftmals erst sichtbar.
Detailtreue und historische Präzision sind jedoch eine Selbstverständlichkeit. Es geht um den Krieg an sich, auch wenn der Erste Weltkrieg einen besonders niederträchtigen Höhepunkt zum Auftakt des 20. Jahrhunderts und den Beginn "der industrialisierten Tötung" darstellt. "Wir waren nun mit beiden Beinen im 20. Jahrhundert angekommen." Der schwarze Humor der Soldaten in ihren Erdlöchern, die Tardi in inneren Monologen oder tagebuchartigen Aufzeichnungen zu Wort kommen lässt, geißelt die zynische Perspektive ihrer Generäle. "War der Fortschritt nicht herrlich?" Und doch war da "wenig Entwicklung dabei, abgesehen vom Gas, der Handgranate, der Brandbombe, alles Nebensächlichkeiten …".