Während "Grabenkrieg" in schlammschmutzigem Schwarzgrau gezeichnet ist, überrascht "Elender Krieg" mit knalligen Farben. Durch die Kolorierung kommen die "Zirkuskostüme" erst so richtig zur Geltung, "in denen wir", wie Tardis Hauptfigur lästert, "wunderbare Zielscheiben abgaben". Die ganze Farbenpracht auf den ersten Seiten markieren jedoch auch unübersehbar die Begeisterung und Euphorie: Ganz Europa war im Taumel und stürzte sich "mit Freunden ins Entsetzen". Mit den Kriegsjahren lassen die Farben nach, die Grautöne nehmen überhand, nur gelegentlich ist der Horizont vollends in Rot getaucht, oder die Maas, um die Unermesslichkeit des Blutfließens hervorzuheben.

Die "mörderische Begeisterung" beruhte auf einer fatalen Fantasielosigkeit, der schlichten Unfähigkeit, sich das Unheil vorzustellen. Eine Unfähigkeit, die zunimmt, je höher der Rang und je weiter die Menschen von der Front entfernt sind. Tardis "Schlosser aus der Rue des Panoyaux" jedenfalls litt an dieser Vorstellungsschwäche nicht: "[I]ch hatte zu viel Fantasie. Ich sah mich als Leiche." Entgegen der allgemeinen Kollektivierung des Denkens und Fühlens setzt Tardi auf die Privatisierung der Wahrnehmung. Seine Figuren sagen "Ich" und beginnen beim "Ich": Das lässt die "Illusion", "fürs Vaterland zu verrecken", nachhaltig schwinden. Ihre von Unmittelbarkeit geprägte Sprache widerspricht jener von Kriegsführern, Kriegsstrategen und Kriegstreibern aller Art und lässt sie hinter die Kulissen der maskierten Wörter blicken. "Erbfeind"? – "Was mich betraf, so hatte ich in dieser Angelegenheit keine Feinde, und ich fand es dreist, dass man mich da hineingezogen hatte."

Der subjektive Blickwinkel, der radikal von der eigenen Wahrnehmung ausgeht, befähigt die Figuren in Tardis Comics jedoch auch, die Lage der Soldaten auf der anderen Seite zu begreifen. Es war "hüben wie drüben die gleiche Idee und der gleiche arme Schlucker, den man im Namen des Vaterlands ermordete …". Geschickt nützt Tardi die zeichnerische Möglichkeit und stellt die beiden feindlichen Lager auf Doppelseiten einander gegenüber. In solchen Spiegelungen legt sich die paradoxe Zirkularität des Kriegs selbst offen, in der ein "Gott mit uns" auf ein "Dieu est mon droit" aufeinandertreffen. "So übel sahen sie gar nicht aus", befindet der französische Schlosser über den ersten Anblick der Deutschen: "[L]etzten Endes glichen sie uns."
Noch eine Gruppe hat der Kriegsverächter Tardi immer wieder im Visier: die "armen Schlucker aus unseren Kolonien", "die man frohgemut eingeladen hatte, an diesem ,Fest‘ teilzunehmen". Der Zynismus in diesem Zusammenhang war vielschichtig: Sie, denen man im Namen der Zivilisation beigebracht hatte, nicht mehr zu morden und keine Stammeskriege mehr zu führen, hat man nun in einen erbitterten Konflikt hineingezogen, der mehr Tote forderte als alle Stammeskriege zusammen. Die Versprechungen, ihnen dafür fortan mit Respekt und auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, wurden zumeist schmählich nicht eingehalten.

Schließlich findet der Krieg – und dieser Umstand zählt zweifellos zu den bittersten – nicht allein in den Schützengräben statt, sondern sogar in den eigenen Reihen: Die Soldaten finden sich plötzlich regelrecht zwischen zwei Fronten! Nicht genug, dass da gelegentlich eigene Kanonen von hinten kommen – weil sie zu kurz schießen, mitunter ist das Absicht, um der Feigheit entgegenzuwirken. Man kann nachlesen, wie viele sinnlose, weil aussichtslose Aktionen die Feldherren des Ersten Weltkriegs riskiert haben. "[U]nsere Generäle", heißt es im "Grabenkrieg", "(gingen) mit Menschenleben und Granaten wenig sparsam um". Noch schwerwiegender ist die Arroganz und Ungerechtigkeit von Befehlshabern. Zwischen Soldaten und Vorgesetzen zieht sich ein eigener Graben. Insbesondere im Kriegsjahr 1917 wurde die Verzweiflung unter den Soldaten zum Massenphänomen. Immer wieder treibt es sie in den Selbstmord. Andere versuchen, mit Selbstverstümmelungen dem Roulette der Front zu entgehen – oftmals allerdings mit tödlichem Ausgang. Auf Deserteure, die erwischt werden, wartet das Todesurteil. Und auch in vielen anderen Fällen greift das Militärgericht hart durch. Im "Grabenkrieg" ist es ein Korse, der zum Tode verurteilt wird, weil er aufgrund seines schlechten Französisch einen Befehl nicht verstanden hat.

Als es 1918 endlich zum Waffenstillstand kommt, notiert der Schlosser: "Unsere Henker legten eine Pause ein." Die Radikalität dieses Satzes erklärt sich erst aus dem folgenden: "Mein Deutscher und ich, wir konnten nicht mehr." Am Ende stehen die Generäle beider Fronten scheinbar den Soldaten über die Frontlinien hinweg gegenüber. Hinzu kommen die Verletzten, Verstümmelten, Versehrten, die mit groteskem Zynismus mit Kriegskreuzen behängt werden. Und während vom Krieg Traumatisierte und Verstörte wie Simulanten behandelt werden, erhält der Erforscher des Giftgases den Chemie-Nobelpreis. Entsprechend bitter ist das Fazit des Protagonisten: "Man hatte uns nach Strich und Faden verarscht!"