"Ein Leben in China" auf mehr als 700 Seiten als Comic: angefangen von der Mao-Zeit über die Kulturrevolution bis zu den großen Veränderungen seit der "Öffnung" des Landes durch Deng Xiaoping. Obwohl auf einen ersten Blick als Autobiografie angelegt, ist der dreiteilige Comic-Roman "Ein Leben in China" mehr als nur ein autobiografischer Comic.

Die komplexe Verflechtung machen Autor und Zeichner spätestens im Vorwort des dritten und letzten Bandes deutlich: Der Protagonist, Xiao Li (später Lao Li, "Alter Li"), ist zwar einerseits das Alter Ego des chinesischen Zeichners Li Kunwu, aufgewachsen im China der 1950er Jahre.

Doch andererseits ist der Franzose P. Ôtié alias Philippe Autier der Texter und findet sich in dieser Position an einer Schnittstelle zwischen zwei unterschiedlichen Welten: "Ich bin nicht Lao Li. Ich teile mit ihm weder Alter, Überzeugungen, Talent noch Vergangenheit." Doch muss er versuchen, sich in ihn hineinzuversetzen, und muss schließlich "noch mehr als Lao Li werden, ein Lao Li nämlich, der alle Li, Zhang und Chen Chinas in sich vereint".

Schmerzhafte Auseinandersetzungen

Erst im Lauf ihres Projekts seien die Autoren dahintergekommen, wie sehr sie mit ihrem Comic, der sich auch an ein ausländisches Publikum wendet, mit einer bestimmten Erwartungshaltung konfrontiert sind: der Darstellung eines prototypischen Chinas. Und so trägt dieser China-Comic bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung mehrfach Spuren einer kulturellen Übersetzung in sich. Denn auch der Zeichner Kunwu, der einst eine Karriere mit propagandistischen Comics für die Kommunistische Partei durchlaufen hat und sich heute mit ethnografischen Studien über kulturelle Minderheiten befasst, musste erst einen neuen Stil für diesen Comic finden, doch ebenso eine neuartige und teils schmerzhafte Auseinandersetzung mit seinen eigenen Erinnerungen und der Vergangenheit auf sich nehmen.

Schonungslos geschieht das in der Rekonstruktion der Mao-Zeit: Mit einer Fülle von Details vermitteln Kunwu und Ôtié westlichen Lesern, aber ebenso einer jüngeren Generation von Chinesen ungeahnte Einblicke in den chinesischen Alltag dieser Zeit, die vor allem durch zwei Maßnahmen geprägt war: den "Großen Sprung nach vorne" und die "Große Kulturrevolution".

Den Geschmack jugendlicher Unschuld oder revolutionären Sturm und Drangs werden diese beiden Schlagworte nach der Lektüre gründlich abgestreift haben. Der "Große Sprung", der sich als ökonomische Aufholaktion gegenüber dem Westen verstand, führte aufgrund einer verfehlten Politik in eine fürchterliche Hungersnot, die um 1960 an die fünf bis zehn oder mehr Millionen Menschen das Leben kostete.