Der Tiananmen scheidet
zwischen West und Ost

Die Kulturrevolution stellte im Grunde einen zweiten Anlauf dar, allerdings mit der bewussten Ausklammerung ökonomischer Maßnahmen.

Während die beiden ersten Bände kompakter erscheinen, verliert der dritte Band etwas an erzählerischer Stringenz. Der Anspruch, ein Gesamtbild der Gesellschaft und ihrer Veränderungen nach der Öffnung des Landes erzählerisch einzufangen, gelingt hier eher mit Abstrichen: Die Hauptfigur wird zum narrativen Flaneur, der zwischen verschiedenen soziografischen Schichten und Geschichten hin- und herwandelt, um ein möglichst facettenreiches Bild zu skizzieren. Vom ersten Aktzeichnen-Kurs an einer Uni in Yunan, als Beispiel der dezidierten West-Orientierung, bis hin zum neuen Umgang mit Geld, der im rasanten Aufsteiger wie im Schuldenmacher neue biografische Typen findet.

Bemerkenswert zurückhaltend bleibt die Beurteilung der Ereignisse vom Juni 1989 am Tiananmen-Platz. Bei allen Zugeständnissen an das Leid von Betroffenen und Opfern dieser Einschreitungen staatlicher Gewalt lässt sich der Erzähler Kunwu dabei zusehen, wie er mit der Preisgabe seiner für westliche Ohren befremdlichen Auffassung ringt: Denn offenbar gibt es eine derart tiefsitzende Angst vieler Chinesen vor einer Destabilisierung des Landes, die als Ursache noch größeren Leids erfahren wurde und betrachtet wird als die Verletzung von Menschenrechten in diesem Fall. Was hingegen bis in die Gegenwart nicht abreißt, ist der chinesische Traum, das Ausland zu überholen, ein Traum, dessen Kehrseite ein tiefes historisches Trauma anspricht: den Verlust an Bedeutung, die das Reich der Mitte einst innehatte.

Bilder als Schriftzeichen, Schriftzeichen als Bilder

Schwächen, welche die Erzählung mitunter konstruiert erscheinen lassen, stehen jedoch auch produktive Brüche gegenüber, die auf eine andere Tradition des Erzählens in Bildern verweisen. Gerade darin erweist sich diese Autor-Zeichner-Konstellation als doppelter Glücksfall. Neben der immanenten kulturellen Auseinandersetzung, stellt die Bild-Text-Kombination, die das Medium bietet, einen immensen Mehrwert dar, der sich auch in einem produktiven Befremden ausdrückt. Etwa wenn sich die Bilder gegen eine allzu schnelle Aufnahme sträuben und bisweilen an ihren Rändern zu geheimen Schriftzeichen gerinnen, wie diese sich umgekehrt als Strichzeichnungen gebärden.

Für den Leser ist diese Reise in das ferne China, die der Autor Ôtié auch als "eine Reise bis an die Grenzen der Schizophrenie" bezeichnet, jedenfalls lohnend.