Auf einen Topos stößt man rasch, wenn man einschlägige Artikel über zeitgenössische Comics in Finnland liest: ihre erstaunliche Vielfalt und stilistische Diversität, die sich nicht durch ästhetische Schulen zusammenfassen lässt. Das ist bemerkenswert für ein kleines Land.

Der schön gestaltete, farbenprächtige Band "Comic Atlas Finnland" gibt das derzeit anschaulichste Abbild der finnischen Comicwelt. Allein das Durchblättern des großformatigen Katalogs ist ein kleines Fest. In zwölf Beiträgen wird dem Leser-Betrachter ein spannender Einblick in eine höchst lebendige Szene geboten. Die unterschiedlichen handwerklichen Techniken und Stile reichen von grafisch klaren Linien und Formen bis hin zu stark individualisierten Zeichenstrichen mit Holzfarbe oder Bleistift. Dass die Herausgeber vorwiegend abgeschlossene Erzählungen und Kurzgeschichten in die Anthologie aufgenommen haben, erleichtert den Zugang zu den so unterschiedlichen Zeichen- und Erzählwelten. Denn es findet sich in dem bunten Band viel Schräges und Eigenwilliges.

In dieser Hinsicht schneidet der Beitrag von Ville Ranta nicht so gut ab. Rantas skizzenhaft leichtfüßiger Stil, der auch durch seine Art des Humors an den französischen Zeichner Joan Sfar erinnert, kommt in seinem ebenfalls auf Deutsch erschienenen Comic "Paradies" deutlicher zur Geltung als im "Comic Atlas". Nicht ganz so frech wie Sfars "Katze des Rabbiners"- doch das mag religionstheoretisch begründet sein -, treten hier Adam und Eva in einen Dialog mit Gott.

Wie Ranta, gehört auch Tommi Musturi zu den herausragenden Zeichnern der finnischen Szene. Auch in seinem Fall liegt bereits ein Comic auf Deutsch vor: "Unterwegs mit Samuel" ist gleichsam eine psychedelische Welt- und Lebensreise, ein Comic, der ohne Worte auskommt, ein schwindelerregendes Daumenkino im Großformat. Umso überraschender ist es, dass sein Anthologie-Beitrag ("Handbuch der Hoffnung") ein geradezu realistisches Setting enthält: Ein alter Mann muss in seiner tristen Einsamkeit seine Welt neu entdecken und erfinden. Doch wie der Betrachter in Musturis erstem Comic, trotz seiner skurril-fantastischen Grundierung, immer wieder Déjà-vu-artig an bekannte Situationen erinnert wird, so kippen hier die klaren konkreten Bilder in irritierendes Chaos.

Aktuelle Themen

Eine Neuerscheinung darf nicht unerwähnt bleiben: Ville Tietäväinens "Unsichtbare Hände". Darin erzählt der finnische Autor in Form eines Comicromans die Geschichte des marokkanischen Flüchtlings Rashid, dem die Überfahrt nach Spanien gelingt. Was ihm in den Gewächshäusern Europas, in Almería, erwartet, wirft ein erschütterndes Schlaglicht auf die Auswirkungen europäischer Asylgesetzgebung. In seiner Verknüpfung von Recherche, Anschaulichkeit und Aktualität ist "Unsichtbare Hände" ein herausragender Comic.

Wieso aber hat ein so kleines Land wie Finnland eine derart lebendige Comic-Kultur zu bieten? Zwei Gründe scheinen offensichtlich: Zum einen können die zeitgenössischen Zeichner auf eine erfolgreiche Comic-Tradition zurückblicken. Neben Ola Fogelberg (1894-1952), nach dessen Comicfigur Puupää der berühmteste finnische Comicpreis Puupäähattu benannt ist, oder Tom of Finland aka Touko Laaksonen (1920- 1991), dem Vater des Schwulencomics, dem das diesjährige Helsinki Comics Festival einen Schwerpunkt gewidmet hat, ist Tove Jansson (1914-2001) die bekannteste finnische Comiczeichnerin. Ihre Comicstrips mit den lustigen Mumins werden seit einigen Jahren bei Reprodukt auf Deutsch aufgelegt.

Es mag auf den ersten Blcik verwundern, dass man beispielsweise im Figurensetting von Marko Turunen eine Verbindung zu den im Alltag angesiedelten, liebenswerten Mumins finden kann. Die teils außerirdisch anmutenden Fantasiewesen, die sich in Turunens Comics tummeln, wirken befremdlich, beängstigend und unterkühlt. Dieser Eindruck drängt sich vor allem in seinem früheren Comicband "Der Tod klebt an den Fersen" auf.

Die Art und Weise jedoch, wie der Autor und Zeichner seinen "Fremdling", eine kleine Alien-Figur, in alltägliche Kontexte einbezieht, ist der Janssons nicht unverwandt. Der Unterschied liegt jedoch in einer traumhaft-surrealen Grundierung. In dem aktuellen Beitrag, "Marko Turunens Leben", verwendet der Zeichner erstmals Farbe: Dadurch verschwindet die düstere Stimmung, die den "Fremdling" einst umgab; die für Turunen typische Abgründigkeit ist allerdings geblieben.

Eine geförderte Kunst

Der zweite zentrale Grund für das "Comicwunder" Finnland besteht darin, dass dort die Neunte Kunst durch Institutionen und Förderungen gepflegt wird: So wurde bereits 1971 die "Finish Comic Society" gegründet, die seit 1972 den bereits erwähnten Comicpreis Puupäähattu vergibt sowie das internationale Helsinki Comics Festival im September ausrichtet. Seit 2007 gibt es einen weiteren Preis, den Comic Finlandia. Kaum verwunderlich, dass sich das offenbar positive Verhältnis der Finnen zu Comics auch in Lesestatistiken niederschlägt. Und vielleicht drückt sich dieses entspannte Verhältnis auch darin aus, dass sie ein eigenes Wort für "Comic" haben: Sarjakuva.

Martin Reiterer, geboren 1966, ist Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich speziell mit dem Medium Comic.