Wieso aber hat ein so kleines Land wie Finnland eine derart lebendige Comic-Kultur zu bieten? Zwei Gründe scheinen offensichtlich: Zum einen können die zeitgenössischen Zeichner auf eine erfolgreiche Comic-Tradition zurückblicken. Neben Ola Fogelberg (1894-1952), nach dessen Comicfigur Puupää der berühmteste finnische Comicpreis Puupäähattu benannt ist, oder Tom of Finland aka Touko Laaksonen (1920- 1991), dem Vater des Schwulencomics, dem das diesjährige Helsinki Comics Festival einen Schwerpunkt gewidmet hat, ist Tove Jansson (1914-2001) die bekannteste finnische Comiczeichnerin. Ihre Comicstrips mit den lustigen Mumins werden seit einigen Jahren bei Reprodukt auf Deutsch aufgelegt.

Es mag auf den ersten Blcik verwundern, dass man beispielsweise im Figurensetting von Marko Turunen eine Verbindung zu den im Alltag angesiedelten, liebenswerten Mumins finden kann. Die teils außerirdisch anmutenden Fantasiewesen, die sich in Turunens Comics tummeln, wirken befremdlich, beängstigend und unterkühlt. Dieser Eindruck drängt sich vor allem in seinem früheren Comicband "Der Tod klebt an den Fersen" auf.

Die Art und Weise jedoch, wie der Autor und Zeichner seinen "Fremdling", eine kleine Alien-Figur, in alltägliche Kontexte einbezieht, ist der Janssons nicht unverwandt. Der Unterschied liegt jedoch in einer traumhaft-surrealen Grundierung. In dem aktuellen Beitrag, "Marko Turunens Leben", verwendet der Zeichner erstmals Farbe: Dadurch verschwindet die düstere Stimmung, die den "Fremdling" einst umgab; die für Turunen typische Abgründigkeit ist allerdings geblieben.

Eine geförderte Kunst

Der zweite zentrale Grund für das "Comicwunder" Finnland besteht darin, dass dort die Neunte Kunst durch Institutionen und Förderungen gepflegt wird: So wurde bereits 1971 die "Finish Comic Society" gegründet, die seit 1972 den bereits erwähnten Comicpreis Puupäähattu vergibt sowie das internationale Helsinki Comics Festival im September ausrichtet. Seit 2007 gibt es einen weiteren Preis, den Comic Finlandia. Kaum verwunderlich, dass sich das offenbar positive Verhältnis der Finnen zu Comics auch in Lesestatistiken niederschlägt. Und vielleicht drückt sich dieses entspannte Verhältnis auch darin aus, dass sie ein eigenes Wort für "Comic" haben: Sarjakuva.

Martin Reiterer, geboren 1966, ist Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich speziell mit dem Medium Comic.