Die Kanzlerin will einen Kanal zum Meer: Leopold Maurers Parabel über Politik, Alltag und Wahnsinn. - © Leopold Maurer
Die Kanzlerin will einen Kanal zum Meer: Leopold Maurers Parabel über Politik, Alltag und Wahnsinn. - © Leopold Maurer

"Die Wahlen stehen vor der Tür und die Umfragewerte sind im Keller." "Lenken Sie die Bevölkerung ab. Ablenkung hilft immer." Das sind keine Mitschnitte aus den Hinterzimmern politischer Wahlkampfkomitees. Es spricht: die Kanzlerin, Protagonistin in Leopold Maurers Politsatire "Kanal".

Der Wiener Comiczeichner führt die Leser hinter die Kulissen der politischen Bühne. Dort ist der Zwang zur diplomatischen Ausdrucksweise aufgehoben, vielmehr wird knallhart kalkuliert. Der Wortschatz wird erweitert von A wie "Arschloch" bis T wie "Trottel".

Ebenso ungezwungen gibt sich die Kanzlerin ihren beiden Lastern hin, dem Rauchen und Saufen. "Mich interessiert die persönliche Seite der Politiker", bemerkt Maurer im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Auch wenn sich die Kanzlerin in dieser bizarren Satire auf das politische System buchstäblich niedersaufen wird, kann man darin auch einen menschlichen Aspekt ihres Daseins entdecken. Ansonsten aber gibt die mit einer schrägen Turm-Frisur ausgestattete Kanzlerin eine machtbesessene, skrupellose Vertreterin ihrer Art.

Unter Wasser

Um ihren Umfragewerten auf die Sprünge zu helfen, setzt die Kanzlerin auf ein vollkommen aberwitziges Projekt: einen Kanal, der das Binnenland mit dem Meer verbinden und das Meer vor die Haustür bringen soll. Das Binnenland dieser Comicsatire könnte freilich irgendeines sein. Das Kanzleramtsgebäude auf der ersten Seite weist jedoch eine frappante Ähnlichkeit mit dem österreichischen auf. Und obwohl es für den Comic keine Rolle spielt, in welchem Land er spielt, besagtes Projekt mutet irgendwie urösterreichisch an. So absurd und abstrus alles erscheint, die Wirklichkeit übertrifft immer wieder auch die zwischen Buchdeckeln gepackte Fantasie. Um 1800 hatte Kaiser Franz II. eine Machbarkeitsstudie für einen Wiener Kanal bis zur Adria in Auftrag gegeben - allerdings nicht um das Meer nach Wien zu befördern, sondern um den Gütertransport rationeller zu gestalten. Für den Wiener Neustädter Kanal hat es ja gereicht, für die weitere Strecke, so ergab die Studie, sei "kein Canal ausführbar". Tatsächlich, so Maurer, habe es in den 1980er Jahren bei der Wiener Wirtschaftskammer erneut eine Anfrage gegeben, dieses Kanalprojekt durch die Alpen zum Mittelmeer wieder aufzunehmen. Die Geschichte aus der Hand seines Vaters, damals Vertreter der Wirtschaftskammer in Triest, habe den Zeichner seither nicht mehr los gelassen.

Was Maurer allerdings daraus gemacht hat, ist eine tiefgründige Parabel über Politik zwischen Alltag und Wahnsinn. Die Kunstfertigkeit, abstruse Ideen und schräge Figuren in Szene zu setzen, hat der Zeichner-Autor bereits mit "Miller und Pynchon" (2009) und "Mann am Mars" (2011) bravourös unter Beweis gestellt. Hinter skurrilem Humor und absurden Konstellationen verbergen sich bei Maurer immer auch melancholische Bilder und philosophische Reflexionen mit gelegentlich politischer Grundierung. Dass Politik nun aber ein Hauptthema seines Comics ist, überrascht, erinnert aber auch an den soziologischen Hintergrund des Zeichners.

Unter Geheimhaltung

"Kanal" verbindet drei Schauplätze: die politische Bühne, den sich bereits im Bau befindlichen Kanal und das Meer mit einem seltsam ungeerdeten Fischerpaar. Maurer: "Ich wollte eine Oper machen. Geworden ist es wohl eine Operette."

Zunächst wird das Projekt unter völliger "Geheimhaltung" angegangen, weder Öffentlichkeit noch politische Mitstreiter werden informiert, mit riesigem Aufwand werden Feste mit Blasmusik organisiert, um die Bohrungen im Untergrund zu verheimlichen. Sobald der Plan publik wird, wird zunächst alles geleugnet. Letztlich erweist sich der totale Wahnsinn aber als politisch umsetzbar. Dabei interessiert sich Maurer auch für den Kanal: das Untergründige, das Unterbewusste, das Unbewusste. Plötzlich kommen inmitten von Höhlenmalereien schwabbelige Fantasiewesen zum Vorschein. Ihre unterirdischen Aufzeichnungen, die die Welt oben und draußen festhalten, stehen vor ihrer völligen Zerstörung. Doch die Welt und ihre Politik machen nicht zum ersten Mal Tabula rasa mit den Errungenschaften der Menschheit.

Maurers Comic spielt das mit virtuosem Witz durch.