Wien. Erwin Hutterer umgibt die Aura eines Menschen, der schon viel zu lange im Geschäft ist, um sich von Modeerscheinungen aus der Ruhe bringen zu lassen. Man versucht es dennoch: Auf der heurigen Comic-Con in San Diego wurden für "Man of Steel", den jüngsten Superman aus dem DC-Comic-Universum, ganze 10 Sequels für die nächsten 5 Jahre angekündigt! "Ant-Man" spült sogar mehr Geld in die amerikanischen Kinokassen als die "Minions"! Die Menschen scheinen nichts anderes mehr im Kino sehen zu wollen als Superheldenfilme, was sagt das über uns? Das alles beantwortet er schulterzuckend mit einem gütigen Lächeln. Vor acht bis zehn Jahren seien Mangas das gewesen, was nun eben die Superhelden sind. Dass ihn solche Moden nicht sehr beeindrucken, zeigt sich bereits in dem Satz: "Ich behaupte mit Stolz, noch nie in meinem Leben ein Manga gelesen zu haben."

Kleine Geschichte der Comics

Den ungeheuren finanziellen Erfolg dieser Streifen erklärt er ganz nüchtern mit deren besserer technischer Qualität: Die Filme seien heute ja auch viel besser gemacht als früher. Ob er sich Superheldenfilme ansehe? Ja, aber nicht im Kino, sondern im Fernsehen. Im Übrigen hat ihm der tiefgründige "Batman" davon am besten gefallen. Ob die Nachfrage nach gedruckten Geschichten steige, wenn ein neuer Superheld über die Leinwand flimmert? Durchaus, "Iron Man" beispielsweise sei vorher gar kein Thema gewesen und werde inzwischen mehr gelesen. Auch der Bedarf an Merchandise-Artikeln steigt dann, so weiß er: Diese Filme machen ja ihr Geld vor allem durch den Verkauf von Tassen, Shirts und Figuren.

Übrigens seien auch die Comics heute besser als vor 50 Jahren, weniger eindimensional in der Figurendarstellung. Einen Dialog wie im Superhelden-Comic von 1981 wird man heute wohl nicht mehr finden: "Stop grüne Leuchte, dein Kryptonit tötet mich. - Genau das möchte ich, Superman!". Dafür sind in den neueren Comics die Zeichnungen düsterer geworden und Superman hat einiges an Muskelmasse zugelegt.

Und schon sind wir mittendrin in einer kleinen Geschichte der Comic-Kultur: In den 1950er Jahren gab es noch Comicverbrennungen, erinnert sich Hutterer. In der Schule war man gezwungen, seine Comics gegen "gute Bücher" einzutauschen, um dann die bunten Hefte in Flammen aufgehen zu sehen. Comics galten damals als schlechter Einfluss und ein Kind, das Comics las, dem war eine Karriere als Drogendealer praktisch vorgezeichnet. Alles Unsinn, denn Hutterer weiß, "mit Comics fängt es an": Kinder, die Comics lesen, lesen später auch Bücher. Heute jedoch werden die Comic-Hefte von anderer Unterhaltung verdrängt, Handyspiele sind genauso handlich, wie es früher die neueste Ausgabe der "Micky Maus" war. Und von einer anderen Seite droht den Magazinen Unheil: Comics sind schon lange Sammlerobjekt. Werden in Sackerl gesteckt und statt gelesen für Unsummen versteigert. Hutterer weiß vom Fall Nicolas Cage zu berichten, der eines der ersten "Superman"-Comics eingeschweißt und makellos um einen Rekordpreis verkaufte - darin war höchstwahrscheinlich nie geblättert worden. Von dieser Form des "Comic-Fetischismus" hält Erwin Hutterer gar nichts. "Meine Comicsammlung lagert als Heftstapel in Kisten."

Mit der fing Ende der 70er Jahre alles an. Sein erstes Geschäft eröffnete er in der Schlachthausgasse, "da ist heute ein Puff drinnen". Die Wiener Comicszene war klein, aber hungrig nach neuen Geschichten. 1987 eröffnete er auf der Landstraßer Hauptstraße diesen Comicshop. Bald waren es sogar drei Läden in ganz Wien.

Alles sehr nette Menschen

Die andern beiden hat er inzwischen an seine zwei Töchter verteilt. Nur den ersten hat er mit seiner Frau noch behalten. Von den beiden hängt ein Foto zusammen mit dem legendären Zeichner Carl Barks über der Theke. Dem Erfinder von Dagobert Duck: "Ein Genie." Ihn und andere Comicgrößen, wie den Zeichner von Tarzan, Hal Foster, hat Hutterer noch getroffen, "alles sehr nette Menschen, diese Comic-Zeichner".

Der Comicshop hat immer noch alles, was man für einen ordentlichen Buch- oder Zeitschriftenladen braucht: Bunt bemalte Seiten stapeln sich in Kisten am Boden, schmiegen sich in Kartons aneinander und füllen die Regale bis zur Decke. Während Lucky Luke "westwärts" reitet, galoppieren Winnetou und Old Shatterhand über den Buchdeckel von "Karl-May-Filmbildgeschichten". Lois Lane seufzt zwischen zwei Seiten gerettet in Supermans Armen: "Du bist immer da...". An anderer Stelle werden in der Graphic Novel essenzielle Aussagen getroffen: "Die Identität ist ein Werden." "Du scharfes Stück", haucht ganz hinten in einem Comic-Porno eine schmolllippige Blonde. Während ein anderes Buch "Literaturadaptionen im Comic. Ein modulares Analysemodell" wissenschaftlich diskutiert.

Unterdessen lässt sich bei seinen Kunden wirklich kein Muster entdecken. Eine ältere Frau fragt nach einer ganz bestimmten Ausgabe, Erwin Hutterer verschwindet hinter Kisten. Ein junger Mann mit Skateboard unterm Arm schlängelt sich stöbernd vorbei an den Star Trek-Figuren. Ein anderer Herr zieht ein paar Cents für ein gebrauchtes "Jerry Cotton"-Heft aus der Hosentasche und wirft sie auf den Ladentisch.

"Micky Maus" wird bleiben

Aber etwas anderes muss einem doch wirklich Sorgen bereiten: Selbst die "Micky Maus"-Hefte haben seit Jahren mit stark rückläufigen Auflagenzahlen zu kämpfen? "Das geht allen Comicverlagen so", die "Micky Maus" sei nur das symbolträchtigste Format. Aber, beruhigt er, die "Micky Maus" wird es auch weiterhin geben. Erwin Hutterers Optimismus ist unerschütterlich.

Ebenso unbeeindruckt schaut er der ersten österreichischen Comic-Con im November in Wien entgegen. Das amerikanische Vorbild der Messe kommt heuer nach Österreich und nach Deutschland 2015 und 2016 gleich zweimal. Vielleicht gehen seine Töchter hin. Früher ging er auch auf Comicmessen, da kannte er nahezu die ganze Fangemeinde der Stadt beim Namen. Aber die Messen sind immer am Wochenende und sonntags "da habe ich jetzt anderes vor." Bestimmt nicht, Trends hinterherzulaufen.