Wien. "Wenn ich mich jemals für eine selbstlose, geduldige, liebe und fürsorgliche Tochter gehalten hatte, die dereinst engelsgleich und zufrieden ihre betagten Eltern pflegen würde, so war diese Vorstellung binnen Stunden zerstört." George und Elizabeth Chast erfreuten sich einer derart robusten Gesundheit, dass sie über sieben Jahrzehnte in beinahe symbiotischer Zweisamkeit verbrachten, 95 und 97 Jahre alt sind sie geworden. Was für ein Segen. Was für ein Fluch! Denn das Alter ist ein Massaker, und das nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen - bei aller Liebe.

Tagebuch der letzten Lebensjahre

Aus der Einzelkind-Tochterperspektive erzählt Roz Chast, die als Cartoonistin für "The New Yorker" arbeitet, in ihrem Comic-Buch-Hybrid "Können wir nicht über was Anderes reden?" von den letzten Lebensjahren ihrer Eltern. Von den dicker werdenden Staubschichten in der Brooklyner Wohnung über Krankenhausaufenthalte, erste Anzeichen von Demenz, bis zum unvermeidlichen Umzug ins Pflegeheim und zum zähen Lebensende nimmt Chast uns mit in eine Welt, die voller Wörter ist, die man nie lernen wollte: Divertikulitis. Sonnenuntergangs-Syndrom. Seniorenanwälte. Palliativpflege.

Und obwohl der Bericht mit
jedem Kapitel unweigerlich deprimierender wird, kann man das Buch kaum aus der Hand legen, derart mitreißend, mitfühlend und, ja, unterhaltsam ist es geschrieben.

Roz Chast verarbeitet das ganze Elend mit einem so beißenden wie beiläufigen Humor - "Ich bat meine Mutter, einfach sitzen zu bleiben (haha, was denn sonst?)" - und einer großartigen Beobachtungsgabe. "Es war wie die Schulkantine, nur mit Alten", analysiert sie etwa die soziale Hierarchie beim Abendessen im Pflegeheim: "Es gab Cliquen
von Leuten, die schon länger hier wohnten und kein Interesse an Neulingen hatten (...) Keiner hatte Lust auf einen Sabberer am Tisch oder auf einen halben Alzheimer."

Passend zum hochpersönlichen Ansatz ist "Können wir nicht über etwas anderes reden?" wie ein illustriertes Tagebuch gestaltet. Die handgeschriebenen Texte - in der deutschen Fassung übrigens von Tex Rubinowitz handgeschrieben - werden unterbrochen von Zeichnungen und kurzen Comicszenen, meist Gespräche, darunter viele Telefonate. Chasts Zeichenstil ist wie hingeworfen, ihre Panelgrenzen sind wackelig und werden auch schon einmal vom Ellenbogen einer Figur durchbrochen, Perfektion ist für sie kein ästhetisches Ideal. Wenn die Charaktere mal wieder wütend oder traurig sind, verziehen sie ihre Gesichter zu Fratzen.