Aus der Zeit gefallene Institution: der Comicladen. - © Meschik
Aus der Zeit gefallene Institution: der Comicladen. - © Meschik

Alle Comicläden sind gleich. Sie sind es nicht von außen, und von innen schon gar nicht, aber darin, was sie in einem auslösen. Genauso wie alle Buchgeschäfte und alle Kinos und alle Plattenhöhlen gleich sind. Manche Behauptungen sind mehr Entscheidung als Beschreibung. Ich spreche also von allen Comicläden, wenn ich von meinem Comicladen spreche. Er, denke ich, ist sogar noch ein bisschen gleicher als die anderen.

Der Comicladen empfängt einen mit grauem Duft nach Altem und Staub. Orte wie diese dürfen nicht zu sauber und aufgeräumt sein, sie müssen leben und ihre Lebendigkeit als harmloses Chaos ausstrahlen. Die meisten tun zum Glück genau das. Es muss Bereiche geben, die an eine Messie-Wohnung erinnern, mit hüfthohen Stapeln aus Ungelesenem, mit einem Wegbahnen durch vergilbte, papiergewordene Zeit, mit angehaltenem Atem, um schmal zu sein und am Rand vorbei zu passen. Fehlen diese Bereiche, dann hat jemand etwas noch nicht verstanden oder wird es nie verstehen.

Kopie der Kopie

Viele meinen, dass sie durch die Tür des Comicladens einen Comicladen betreten haben. Was sie aber tatsächlich betreten haben, ist das ausgelagerte Jugendzimmer des Comicladenbesitzers. Dementsprechend sieht es hier auch aus. Romantische Verklärung - jedes Bild ist ja bekanntlich nur der Blick darauf. Ein Comicladenbesitzer darf nie ganz erwachsen geworden sein. Er sollte möglichst allen über ihn verbreiteten Klischees entsprechen, unfrisiert und bebrillt sein, damit er in seiner Rolle glaubhaft wirkt.

Den Comicladenbesitzer umhaucht eine freundliche Melancholie. Er ist niemand, wollte aber auch nie jemand sein. In ihm erkenne ich mich. Sein Stehen ist taglanges Warten auf Kundschaft, die manchmal kommt - und manchmal nicht. Er trägt ein herbstfarbenes Holzfällerhemd und blinzelt klug aus zutraulichen Augen. Die nervösen Finger spielen am Tresenholz rasant Klavier, damit es Abend wird.

An manchen Tagen stochert er lustlos mit den Augen in etwas, aus dem er aufschaut, wenn einer kommt oder geht. Er strahlt aus, dass er - ohne dich zu kennen - dein Kumpel ist. Seine Langhaar-Locken waren einmal frisch gewaschen. Er steht in sein Warten gebeugt oder vom Leben geknickt. Ich sehe ihn an und weiß etwas über ihn und nenne es gelassene Zerstreutheit.

Er ist wie der Bub, dessen Traum, einmal ein Zuckerlgeschäft zu besitzen, leider erfüllt wurde. Und wie der Bub sich an den Süßigkeiten bald sattgegessen hat, so hat sich der Comicladenbesitzer an den Bildabfolgen sattgesehen, an den Actionfiguren sattgespielt, an den Kostümen sattverkleidet. (Dass in Buchgeschäften die Nicht-Bücher immer mehr Umsatz generieren, erstaunt noch, der gut sortierte Comicladen strotzte immer schon vor Merchandise und Nerdware.)

Und wie bei Büchern, Filmen, Musik sind auch hier neunzig Prozent nur Kopie der Kopie. Die verbleibenden zehn Prozent aber haben es in sich, fordern den Bilder-Leser heraus und mit Vehemenz etwas ein: Hab andere Augen für einen klareren Blick, mit dem du neu schaust! Ein guter Comic ist eine schöne Aufgabe, der man sich stellt. Der richtige Comic zur rechten Zeit rettet einem hin und wieder das Leben. Genauso wie Bücher, Filme, Musik.

Der Ort ist aus der Zeit gefallen, nie ganz im Heute angekommen. Seine Gegenwart, in der er vor sich hin überlebt, ist bloß die Zukunft der Vergangenheit.

Verstreut liegen ein paar Österreicher und Deutsche herum, für den Massengeschmack zu spe-ziell. Sie sehen ziemlich müde und mitgenommen aus. Kaum einer hebt sie hoch, um darin zu blättern. Unverkäuflich schlummern sie dich an. Weiter hinten sind meine Lieblinge, die feinsinnigen, oft lüsternen Franzosen. In ihrem Land hat die "Neunte Kunst" einen anderen - höheren - Stellenwert. Sie wird anerkannt als gesellschaftsbegleitend und debattenbefördernd. Sie ist unwidersprochener Bestandteil des kulturellen Geschehens. Bei uns herrscht diesbezüglich Nachholbedarf.

Die Unbesiegbaren

Der Comicmarkt - das zeigt sich auch hier - ist fest in amerikanischer Hand. Einer venös-muskulösen, flaggenfarben behandschuhten Superheldenhand, wohlgemerkt. Kaum ein Tier, an das nicht irgendein findiger Vermarkter ein "-Man" gehängt hätte, um die Abenteuer dieses so geschaffenen Unbesiegbaren zwischen Heftdeckel zu pressen.

Es heißt, man könne nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Bei den Comicreihen von Marvel und DC greift man in den immergleichen Plot-Strom. Dieser plätschert seit Jahrzehnten gemächlich dahin, nimmt verwegene Abzweigungen, die doch wieder zurück zum Anfang führen und mit jeder Wiederholung etwas abgelutschter wirken. Um das Sommerloch zu füllen, strickt man ein Crossover, welches mehrere Heftreihen verbindet, in das der jugendliche Leser Taschengeld und neu gewonnene Freizeit investiert. Wie viele Tode ist der Held schon gestorben, bloß um im Herbst pünktlich zu Schulanfang seine glorreiche Wiederauferstehung zu feiern? Wenn schließlich alle Konfliktpaare aneinandergeraten, alle Nebenstränge auserzählt sind, hilft nur noch der Reboot. Alles wird auf null gesetzt, das Cape modernisiert, Aufmachung und Ausrichtung erneuert. Das Spiel beginnt von vorne.