Andreas Peham ist Rechtsextremismus- undAntisemitismusforscher beim Dokumentationsarchiv des österreichischenWiderstandes. Zu seinem Forschungsgebiet zählt mitunter Holocaust-Education. - © privat
Andreas Peham ist Rechtsextremismus- undAntisemitismusforscher beim Dokumentationsarchiv des österreichischenWiderstandes. Zu seinem Forschungsgebiet zählt mitunter Holocaust-Education. - © privat

"Wiener Zeitung": "Das Tagebuch der Anne Frank" erscheint am 5. Oktober in deutscher Ausgabe als Comic/Graphic Novel. Wie stehen Sie dazu?

Andreas Peham: Grundsätzlich sehe ich die Adaption in das Comicformat positiv. Ich gehe davon aus, dass es eine seriöse Publikation sein wird und den Standards der Holocaustforschung entspricht. Auch wenn das nicht immer ganz einfach sein mag, weil gerade in der Pädagogik vieles vereinfacht werden muss. Ich möchte zudem darauf hinweisen, dass es bereits eine Tradition an wirklich guten Comics über den Holocaust gibt. "Maus. A Survivor’s Tale" von Art Spiegelman etwa. Er wurde dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Die beiden israelischen Künstler Ari Folman und David Polonsky zeigen sich optimistisch, mit der Adaption eine neue Generation an Lesern ansprechen zu können. Teilen Sie diesen Optimismus?

Angesichts der Seh- und Lesegewohnheiten der jüngeren Semester würde ich es zwar nicht Optimismus nennen, aber ich habe zumindest Hoffnung.

Verlieren bisherige Vermittlungskanäle für den Holocaust an Wirkung?

Das würde ich so nicht sagen. Manche Kanäle stehen mitunter bald einfach nicht mehr zur Verfügung – wie etwa Zeitzeugengespräche. Das heißt, es müssen permanent neue Möglichkeiten der Vermittlung gesucht werden. Kunst, und dazu gehören auch gut gemachte Comics, halte ich generell für das geeignetste Transportmittel. Eine rein dokumentarische Aufbereitung des Holocausts kann gerade jüngere Personen rasch überfordern.

Ist es an der Zeit, dass sich auch die Computerspielindustrie der Holocaustthematik annimmt?

Das wäre dringend an der Zeit, aber vorschreiben kann man es ihr nur schwierig. Vorsicht ist dennoch geboten: Gerade für die Abenteuer- und Strategiesparte eignet sich der Holocaust wohl nur bedingt. Wenn man ein Computerspiel hingegen didaktisch wertvoll aufbereitet, warum nicht?

Gibt es Medien, die für die Darstellung des Holocausts ungeeignet sind?

Grundsätzlich kann ich kein Medium ausschließen. Äußerst vorsichtig sollte man aber mit Material der Nazis umgehen. Sie wollten natürlich auf gewisse Art und Weise gesehen werden und Millionen sind dem schönen Schein des Dritten Reichs auch erlegen. Wenn man heute unkritisch mit diesem Originalmaterial im Unterricht arbeitet, dann besteht die Gefahr, dass Jugendliche wieder dieser Faszination erliegen. Ich persönlich finde, dass die Darstellungsweise des Holocausts immer problematischer wird, je realistischer sie versucht zu sein. Eine Entfremdung ist wichtig, weil ein realistisches Abbild nicht möglich ist. Der Holocaust ist Eins zu Eins nicht darstellbar.