Noch mehr Wiener Erinnerungen? Die Eltern, erzählt Lilly Phillips, fanden in den Notjahren nach dem Krieg in der Quellenstraße ihre erste Wohnung. Die letzte Wiener Adresse: Bruckner-straße 4, mit Blick auf die Karlskirche und das Palais Schwarzenberg (Lehmanns Adressbuch 1940 verzeichnet einen "Wilheim R., Israel. Privat"). Zur Schule ging sie im "Wiener Frauen-Erwerb-Verein" am Wiedner Gürtel, der heutigen Sir-Karl-Popper-Schule. Dem darauf spezialisierten Schweizer Fotokünstler Martin Imboden (1893-1935) stand Lilly als Ballettschülerin Modell. In einem Fotoalbum findet Frau Phillips trotz der Sehschwäche zwei Imboden-Bilder.

In New York herrschte bittere Not in einer Einzimmerwohnung in der 2 West. Vaters erster Überlebensjob: Aufzugsführer. Die Tochter malte Edelweiß auf Holzbüchsen, modelte und zeichnete für Woolworth-Kataloge Oberbekleidung für 50 Cent die Stunde. Bis Mutter in einer Zeitungsannonce entdeckte, dass der "Fiction"-Comic-Book-Verlag Mitarbeiter suche. Als erstes zeichnete sie für die "Supernatural Horror"-Serie "Werewolf Hunter". Dann für "Jane Martin", eine Pilotin, die in Südamerika gegen Nazis kämpft. "Señorita Rio" war eine brasilianische Nachtclub-Blume, die Lilly in den Leopardenpelz kleidete, von dem sie selbst träumte.

1943 heiratete sie, es war das zweite Mal. Für Eric Peters war es die dritte Ehe. Bei gemeinsamen Freunden hat man sich kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. "Meinem Mann, einem Physiker, sagte ich, dass mich mit Eric mehr verbindet als mit ihm." Es war nicht nur der Geburtstag. Es war die Kunst. Und wohl auch die Armut, die sie zusammenschweißte. "Wir haben wegen des Geldes Comics gezeichnet", sagt sie heute ohne Sorge, einen Nimbus zu zerstören. Auch die feministische Heroisierung ihrer Pionierrolle will sie ironisch unterlaufen: "Die Comic-Book-Verlage engagierten Frauen, weil die Männer im Krieg waren." Im Duo mit Eric zeichnete sie, was sie am besten konnte: "Bei ,Abbott & Castello‘ habe ich alle Damen gemacht und er die Männer."

Eric als Aristokrat

Nach dem Ausscheiden aus dem "Fiction"-Team 1949 arbeitete sie weiter für die Modebranche - darunter der amerikanische Ableger von Lanz-Trachtenmode - und für Juweliere. Eric zeichnete bis 1952 weiter Comics. Doch sein Soloprogramm lief auch während der Ehe weiter: Karikaturen von Zelebritäten wie Joyce, Einstein, Peter Lorre, Marilyn Monroe, Greta Garbo für angesehene Zeitungen und Magazine.

Eric, sagt Lilly Phillips, sei ein Kind gewesen, das sie als Mutter brauchte. Aber, wie sie andeutet, nicht nur sie. "Er hatte viele Talente, war ein hervorragender Fotograf und baute aus altem Holz aus Kirchen Violinen - like Amati." Ein Foto der berühmten Evelyn Hofer (1922-2009), mit der Lilly befreundet war, zeigt im Album den "Cartoonisten" - so die Bezeichnung in der US-Volkszählung 1940 - als strahlenden Herren. Sie hatten eine Wohnung 102 West 75th Street, er dazu noch ein Atelier in der 73. Straße.

"Er dachte, er sei ein Aristokrat. Solche schlafen lange, sagte er. Ich musste ihn zur Lunchtime von meinem Arbeitsplatz im Fic-tion House aus anrufen und aufwecken." Eine Nenn-Nichte Erics in Wien (und nach dem Tod seiner Witwe Josephine die Erbin) bestätigt: "Er war ein feiner Herr, der Gamaschen trug und splendid war. Aber er hatte immer Angst".