"Es ist Krieg. Ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass einmal kein Krieg war". Christine, die Protagonistin von "Maikäfer flieg!", dem autobiografisch gefärbten Roman von Christine Nöstlinger, ist ein kleines Mädchen, als sie diesen Satz in den letzten Kriegstagen über die Lippen bringt. Österreich im Jahr 1945, das war vor allem: Schutt, Asche, Angst.

Die Geschichte der ausgebombten Familie, die in einer Villa in Neuwaldegg Zuflucht findet und dort schließlich die Zimmer mit den bald auftauchenden russischen Besatzern teilen muss, ist die der Autorin selbst: Nöstlinger, 1936 geboren, erlebte Nationalsozialismus, Zweiten Weltkrieg und Besatzungszeit mit den unbefangenen Augen eines Kindes. Erfahrungen, die Nöstlinger 1973 in "Maikäfer flieg!" niedergeschrieben hat.

Der Film, der ab Freitag regulär in den Kinos zu sehen ist, hat am Dienstag das Filmfestival Diagonale in Graz eröffnet. "Es passt so gut, dass er das Festival des österreichischen Films eröffnet. Immerhin sind die Bücher von Christine Nöstlinger österreichisches Kulturgut", findet Regisseurin Mirjam Unger, die in "Maikäfer flieg!" ein wunderbar agierendes Schauspielerensemble, bestehend aus Ursula Strauss, Gerald Votava, Krista Stadler und Nachwuchstalent Zita Gaier (als Christine) anleitete.

Die Besetzung kam nicht von ungefähr: "Ausschlaggebend war, dass ich ‚Iba de gaunz oamen Leit’ im Wiener Rabenhof gesehen habe", berichtet Unger. "Das ist ein Stück, das auf einem Gedichtband Christine Nöstlingers für Erwachsene beruht. Ich war von der Sprache so begeistert, dass ich begonnen habe, mich intensiver mit Nöstlinger auseinanderzusetzen. Als ich ‚Maikäfer flieg!’ gelesen habe, habe ich gespürt, dass man daraus einen Film machen muss. Ursula Strauss und Gerald Votava spielten bei ‚Iba de gaunz oamen Leit’ die Hauptrollen, deshalb sollten die beiden auch unbedingt im Cast dieses Films mit dabei sein."

Unger, die zuletzt mit "Vienna’s Lost Daughters" oder "Oh Yeah, She Performs" hauptsächlich Dokumentarfilme gedreht hat, hat vor allem interessiert, die Kindersicht auf die historischen Tage herauszuarbeiten. "Der Roman erzählt nichts in Schwarz-weiß", sagt Unger. "Denn unter den russischen Besatzern hat es wohlmeinende wie gefährliche Charaktere gegeben – und das wird aus der Sicht von Christine vermittelt." "Maikäfer flieg!" gebe auch einen Einblick, wie die Menschen in der Nachkriegszeit einen beinharten Überlebenskampf führten, die Kinder aber auch viele Freiheiten gehabt und eine spezielle Zeit erlebt hätten. "Christine Nöstlinger sagt, dass sie damals trotz Zerstörung die wohl schönste Zeit ihres Lebens hatte, weil es nicht schon wieder Schule gab, die Kinder oft sich selber überlassen waren und frei aufwachsen konnten."

Nöstlinger selbst hat sich nur wenig in die filmische Umsetzung ihres Buches eingebracht. "Ich habe mich mit ihr getroffen und in vielen Stunden über ihre Erinnerungen an jene Zeit gesprochen", erzählt Unger. "So bin ich an viele zusätzliche Informationen gekommen, die uns in der Produktion geholfen haben. Sie hat allerdings gleich zu Beginn gesagt, sie wäre die Autorin des Buches, würde sich aber beim Film nicht einmischen. Bei Fragen könnten wir uns aber jederzeit an sie wenden".

"Maikäfer flieg!" ist nicht nur die Schilderung eines Abschnitts der Zeitgeschichte, sondern in seiner Darstellung eines resoluten, aufgeweckten und auch sturköpfigen jungen Mädchens auch ein Frauenroman, ein Stück feministische Literatur. "Die Lebendigkeit und die Sturheit des Mädchens war mir besonders wichtig", sagt Unger. "Auch die Suche nach Wahrhaftigkeit, auf der Christine ist. Dieses Mädchen glaubt nicht, was ihr die Erwachsenen sagen, sie möchte sich ihr eigenes Bild von den Dingen machen. Hinzu kommt der Humor, den Christine Nöstlinger vermittelt – trotz der schweren Zeit, in der das Buch spielt."
Nicht nur thematisch ist "Maikäfer flieg!" ein Film über Frauen, die sich in einer unwirtlichen Umgebung behaupten müssen.

Auch produktionstechnisch steht das Drama in der Männerdomäne Film ziemlich allein auf weiter Flur. Denn die Schlüsselpositionen sind hier allesamt mit Frauen besetzt. Eine Seltenheit im Filmgeschäft. "Wir hatten Gabriele Kranzelbinder, eine der wenigen Produzentinnen des Landes, an Bord, Katharina Wöppermann war verantwortlich für das Szenenbild, Eva Testor stand hinter der Kamera, Niki Mossböck saß beim Schnitt, Sandra Bohle schrieb mit mir das Drehbuch, Eva Jantschitsch arbeitete als Filmmusikkomponistin mit, und so fort", erzählt Unger. "Das freut mich sehr – denn wir haben damit auch ein frauenpolitisches Statement gesetzt."