Der Strom kommt aus der Steckdose. Zu jeder Tageszeit, egal ob Sommer oder Winter. Wir erachten es als selbstverständlich. Woher der Strom kommt, ob importierter Atomstrom oder grüner Strom von heimischen Windrädern, ist den meisten Verbrauchern vermutlich egal. Dem Klima ist es nicht egal. Darum soll der Strom 2030 vollständig aus erneuerbaren Energiequellen kommen. Zu 75 Prozent ist der heimische Strom bereits grün. Die restlichen 25 Prozent umzustellen, ist aber eine Mammutaufgabe. Einige Wasserkraftwerke müssen gebaut, hunderte neue Windräder aufgestellt, zehntausende Solarmodule installiert werden.

Wie der Strom künftig zu uns kommt, ist eine ebenso große Herausforderung. Eine, die bisher viel zu wenig beachtet wurde. Zumindest aus Sicht des Stromnetzbetreibers Austrian Power Grid (APG). "Würden wir das Netz nicht weiter ausbauen, hätten wir signifikante Überlastungen", sagt Gerhard Christiner, technischer Vorstand der APG, bei einem Pressegespräch. Soll heißen: Die heimischen Stromnetze sind noch nicht bereit für die Energiewende. Denn der Strom muss vom Windrad zum Verbraucher - und zwar jederzeit.

Und damit sind wir auch schon bei der Problematik. Die Erzeugung von Strom folgte bisher den Verbrauchern. Im Winter wird zum Beispiel mehr verbraucht, in den Nachtzeiten tendenziell weniger. Doch erneuerbare Energien sind volatil. Solarmodule liefern nur bei Sonne Strom. Windräder drehen sich nur bei Wind. Erneuerbarer Strom wird produziert, auch wenn wir ihn gerade nicht konsumieren.


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Dazu muss man wissen: Im Stromnetz muss ein Gleichgewicht herrschen. Erzeugung und Verbrauch müssen sich die Waage halten. Mit der Energiewende driften aber Erzeugung und Verbrauch auseinander. "Ob im Haushalts- oder Gewerbebereich, es wird zunehmend schwieriger werden, den Verbrauch einzuschätzen. Die Lastprofile werden sich massiv ändern", sagt Christiner. Wie gleicht man also beide Seiten wieder aus? "Die Verbraucher sollen durch Preissignale ihr Verhalten an das Angebot der Erneuerbaren anpassen", erläutert Christiner. Das E-Auto werde also mittags geladen, wenn der Strompreis am niedrigsten ist. Er betont aber, dass es zu keinem Komfortverlust führen soll.

Strombedarf wird steigen

Aus Verbrauchern werden künftig aktive Player am Strommarkt. Wer Solarmodule am Dach hat, kann Strom ins Netz einspeisen. Energiegemeinschaften, wie sie im Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz vorgesehen sind, sollen entstehen. Wenn auch in der Mobilität der Umstieg gelingen soll, führt kein Weg an Elektroautos vorbei. Auch dafür braucht es künftig große Mengen an Strom. Aus dem Netzbetreiber werde ein Systembetreiber, so der APG-Vorstand.

Mit der Energiewende 2030 ist es aber noch lange nicht getan. Denn der Großteil der in Österreich verbrauchten Energie stammt noch aus fossilen Energieträgern wie Öl und Gas. 320 Terrawattstunden (TWh) beträgt der Endenergieverbrauch (siehe Grafik). Strom macht davon nur ein Fünftel aus. Die APG denkt schon einen Schritt weiter. Denn Stromleitungen stehen in der Regel für 50 bis 100 Jahre. "Bis 2040 müssen wir 200 TWh dekarbonisieren und mit Energie wesentlich effizienter umgehen", sagt Christiner.

Für diese Ziele muss die gesamte Strominfrastruktur ausgebaut werden. 46 Projekte sollen zunächst in den kommenden zehn Jahren fertiggestellt werden. Primär sollen Umspannwerke gebaut werden, um die erneuerbare Energie in das Stromnetz einzuspeisen. Aber auch die Versorgung der beiden voestalpine-Standorte in Linz und Donawitz mit elektrischer Energie zählen zu den größeren Vorhaben. Der Stahlkonzern will künftig klimaneutral produzieren - dazu sind enorme Mengen an Strom nötig. Der Stromnetzbetreiber APG will für seine Projekte 3,5 Milliarden Euro in die Hand nehmen, 400 Millionen Euro mehr als noch 2020 geplant war. Sie sind im neuen Netzentwicklungsplan festgehalten, der in den finalen Zügen bei der Regulierungsbehörde E-Control liegt.

Bis 2040 müssen wir 200 TWh dekarbonisieren und mit Energie wesentlich effizienter umgehen.

Gerhard Christiner, technischer Vorstand der APG

Noch läuft der Netzausbau aber zu langsam, beklagt die APG. Langwierige Genehmigungsverfahren würden den Ausbau verzögern. "Wir sind den Entscheidungsträgern der Raumplanung ausgesetzt", sagt Thomas Karall, kaufmännischer Vorstand bei der APG. Ein großer Hebel wäre es, bestehende Stromtrassen aufzurüsten. Doch dazu müssten sie von Widmungen freigehalten werden, so Karall. "Wir sprechen mit den Gemeinden und Bürgermeistern, dass die keine Umwidmung im Trassengebiet vornehmen", sagt Karall. Im Raumordnungsgesetz müssten entsprechende Maßnahmen gesetzt werden.

Wenn in knapp 20 Jahren Strom die Hauptenergiequelle sein soll, gelangt auch das Stromnetz an seine Grenzen. "Wenn zu viel Strom da ist, macht auch der Netzausbau keinen Sinn mehr", sagt Christiner. Die elektrische Energie muss dann in großen Mengen gespeichert werden.

Wasserstoff als Speicher

Und hier kommt Wasserstoff ins Spiel. Das Gas spielt eine tragende Rolle bei der Energiewende. Erneuerbare Energie kann mittels Elektrolyseuren in grünen Wasserstoff umgewandelt werden. Das chemische Element ist gut speicherbar und kann in Gasleitungen über große Distanzen transportiert werden. "Wasserstoff ist unsere einzige Chance, auch längerfristig erneuerbare Energie einzuspeichern", sagt der APG-Vorstand. Der Wasserstoff könnte auch wieder in Gasturbinen verbrannt werden.

Trotz Umstellung auf nachhaltige Energieträger wird es auch künftig eine Netzreserve brauchen, wenn weder Wind noch Sonne Strom liefern. Tageweise ist Österreich von Stromimporten abhängig. Derzeit verlasse man sich hauptsächlich auf Importe aus Deutschland, sagt Karall. Doch das könnte sich bald ändern. 2022 nimmt das Nachbarland den Atomstrom vom Netz. Da sind mit einem Schlag 60 bis 70 TWh weg. "Das ist der Stromverbrauch von Österreich. Das wird man spüren in Europa", sagt Karall. Deutschland wird selbst zum Importland. Gaskraftwerke sind deshalb auch künftig unverzichtbar: Damit auch weiterhin zu jeder Zeit Strom aus der Steckdose kommt.