Bei Gegenwind erlegt man Gänse am besten. Sie fliegen niedriger und sind leichter zu treffen. Bei Rückenwind fliegen sie jedoch so hoch, dass der Jäger keine Chance hat. Wer im windigen Seewinkel im Burgenland jagen geht, kennt dieses Phänomen. "Der Wind entscheidet, ob eine Jagd stattfindet oder nicht", sagt Paul Püspök. Püspök geht seit Jahrzehnten im Seewinkel auf die Jagd. Er kennt dort jeden Winkel. Seine Erfahrungen mit Wind und Wetter sicherten ihm stets die Anerkennung innerhalb der Jägerschaft. Bis sie ihm eines Tages auch zum Geschäft seines Lebens verhalfen. Und dem Burgenland zu einem eindrucksvollen Imagewechsel.

Heute ist sein gleichnamiges Unternehmen einer der größten Windkraftbetreiber in Österreich, das Burgenland wurde 2013 stromautark und ist heute das Vorbild für die Erzeugung von Öko-Strom. Über eine Erfolgsgeschichte, die lange vor Fridays for Future, E-Autos und Klimagesetzen begann.

Paul Püspök war nicht nur Jäger, sondern vor allem Wirt. 40 Jahre lang bewirtschaftete er den Landgasthof "Altes Brauhaus" in Frauenkirchen. Hier ging das halbe Burgenland aus und ein. Es trafen sich Politiker, Arbeiter, Geschäftsleute und Püspöks Jagdgesellschaft, darunter der deutsche Textilunternehmer Rainer Kress. Eines Abends saßen die Jagdfreunde im Alten Brauhaus zusammen. Kress erzählte vom Erfolg der Windkraft in Deutschland. Püspök wurde hellhörig. "Ich war 40 Jahre lang Wirt, das ist kein leichter Job", erinnert er sich. Schon seit längerem versuchte er sich an anderen Geschäftsideen. Alle scheiterten. Dann erzählte sein Jagdfreund die Geschichte vom Windrad. Und dem windgeprüften Jäger Püspök war klar, dass diese Technologie auch im Burgenland erfolgreich sein könnte.

Ziemlich beste Jagdfreunde

Kress und Püspök waren sich sofort einig. Der deutsche Textilunternehmer und der Wirt wurden Partner. Kress finanzierte die Anlagen, Püspök stellte die Kontakte auf und lobbyierte im Gemeinderat, bei den Bauern und Grundstückbesitzern. 2001 war es dann so weit. Abgesehen von drei Windrädern in Zurndorf, waren sie die Ersten, die im Burgenland Windräder errichteten.

"Er ist Frauenkirchner, ich bin Frauenkirchner." Paul Püspök (l.) mit Alt-Landeshauptmann Niessl beim Spatenstich. 
- © Püspök

"Er ist Frauenkirchner, ich bin Frauenkirchner." Paul Püspök (l.) mit Alt-Landeshauptmann Niessl beim Spatenstich.

- © Püspök

Die Wahl fiel auf Mönchhof, ein Ort mit strengen Wintern und Sturmböen. "Wir wussten, dass dort die größten Schneewechten sind", erzählt Püspök. "In den Schneeverwehungen sind immer die Autos stecken geblieben." Mönchhof liegt auf der Kuppe zwischen Seewinkel und Parndorfer Platte. "Dort haben wir die ersten fünf Windräder aufgestellt."

Das Umfeld reagierte skeptisch auf Püspöks Unternehmergeist: "Ich hörte immer wieder: Das wird nichts, das ist nichts, das rechnet sich nicht", erzählt er. Doch das motivierte ihn noch mehr. Das "Alte Brauhaus" übergibt er seiner Tochter, um sich ganz der Windkraft widmen zu können. "Ich habe sehr viel Zeit in der Landesregierung, bei den Beamten und Bauern und Grundstückbesitzern verbracht", sagt er. Das zahlte sich aus. Die ersten fünf Windräder wurden an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. Zwei Jahre später baute Püspök 20 weitere Windräder, die ebenso eingespeist wurden. Und dann kam auch noch Glück hinzu.

"Der damalige Landeshauptmann Niessl war ein Befürworter der Windkraft. Das hat geholfen", sagt Püspök. "Der kämpfte dafür intern mit seinen Beamten." Darüber hinaus kannten sich Püspök und Niessl. "Er ist Frauenkirchner, ich bin Frauenkirchner", sagt Püspök.

Keine Stromerzeugung im Burgenland

Als Püspök mit dem Bau der ersten Windkraftanlagen begann, gab es im Burgenland keine nennenswerte Stromerzeugung. Der Strom wurde importiert aus den anderen Bundesländern. Viele Burgenländer unterstützen daher den Pioniergeist von Püspök. "Es gab kaum Widerstand", sagt er. "Wir haben die Anlagen aber auch immer mit großem Abstand zu den Bewohnern errichtet."

Die Landespolitik unterstütze das Vorhaben auch legislativ. 2006 beschloss der Landtag, bis 2013 seinen gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Heute wird 95 Prozent des Stroms im Burgenland aus Windkraft erzeugt.

Bis zu 242 Meter hoch werden die Windräder sein, die gerade in Gols und Mönchhof gebaut werden. 
- © Tatjana Sternisa/WZ

Bis zu 242 Meter hoch werden die Windräder sein, die gerade in Gols und Mönchhof gebaut werden.

- © Tatjana Sternisa/WZ

Die windstärksten und ausbaufähigsten Gegenden in Österreich sind neben dem Nordburgenland, auch das Weinviertel und das Marchfeld. Sie befinden sich alle rund um das größte Strom-Verbraucherzentrum Wien. Die Bundeshauptstadt könnte also schon länger aus erneuerbaren Quellen versorgt werden. Doch das Engagement Niessls stand zum großen Unterschied seines Kollegen in Niederösterreich. "Der damalige Landeshauptmann Erwin Pröll war immer dagegen", sagt Püspök. "Windkraft spielte in Niederösterreich daher lange Zeit keine Rolle."

Im Burgenland wurden die Projekte hingegen immer größer. Paul Püspök musste expandieren, wollte nach zehn Jahren aber auch seine Verantwortung ein Stück weit abgeben.

"Ich habe das aus der Ferne mitbekommen, der Onkel Pauli war sehr engagiert und wir waren in der Familie stolz auf ihn", sagt sein Neffe Lukas Püspök. "In meinem Lebensplan war Windkraft aber nicht vorgesehen." Lukas Püspök studierte Wirtschaft und arbeitete ein paar Jahre in der Unternehmensberatung. Doch er war unglücklich mit seinem Job. "Ich hatte den großen Drang ein Unternehmen zu gründen", sagt er.

Bevor er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte, beschloss er eine Auszeit zu nehmen. Er flog mit einem One-Way-Ticket nach Nepal, baute sich ein kleines Moped zusammen - "Das ging nicht schneller als 60 km/h" - und fuhr ein halbes Jahr über Indien, Pakistan, Iran, Irak, Syrien, Türkei und über den Balkan zurück nach Wien. "Als ich zurückkam, fragte mich mein Onkel, ob ich ihn unterstützen möchte", erinnert sich Lukas Püspök. "Magst nicht ein Praktikum bei mir machen, für drei Monate?", fragt der Onkel seinen Neffen. "Und nach drei Monaten, da red ma dann und dann schauen wir, ob ich dich noch brauche." Das war im Juni 2010. Lukas Püspök: "Das Gespräch hat bis heute nicht stattgefunden."

Heute leitet er das Unternehmen mit 22 Mitarbeitern als Geschäftsführer, "Onkel Pauli" ist Gesellschafter und nur mehr beratend tätig. "Mir hat das von Anfang an Spaß gemacht", sagt Lukas Püspök. "Ich sehe viel Sinn dahinter."

Die richtigen Antworten auf den Klimawandel

Der Sinn, das ist die Nachhaltigkeit und der Klimaschutz, die in der Unternehmensphilosophie ganz oben stehen: "Wir glauben daran, dass es in unserer Hand liegt, unseren Kindern einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen", steht auf der Homepage, "und als jene Generation in die Geschichte eingehen, die die Gefahr des Klimawandels erkannt und die richtigen Antworten gefunden hat."

Dass es den Püspöks ernst ist, zeigt sich im Bürogebäude, das 2015 in Parndorf gebaut wurde. Wenige Meter vom Bahnhof entfernt, wirkt das Gebäude mit seinen glatten Aluminium-, Photovoltaik- und Glasfronten wie ein Raumschiff, das jederzeit in andere Sphären abheben könnte. Mit Technologie zum Klimaschutz, lautet die Botschaft. Die Wände sind hochwärmegedämmt, die gebäudeeigene Photovoltaik-Anlage dient als Stromversorger für Gebäude und Fuhrpark, der aus strombetriebenen Fahrrädern und Autos besteht.

Das Bürogebäude in Parndorf. 
- © Tatjana Sternisa/WZ

Das Bürogebäude in Parndorf.

- © Tatjana Sternisa/WZ

Der Fokus auf Sonnenenergie ist für das ursprüngliche Windkraftunternehmen kein Zufall. "Die beiden Technologien aus Sonne und Wind passen perfekt zusammen", sagt Lukas Püspök. Die eine Technologie hat ihre besten Zeiten im Sommer, die andere im Winter.

Püspök errichtet daher seit kurzem auch Photovoltaikanlagen und setzt verstärkt auf Hybridkraftwerke. "Man kann über den gleichen Netzanschluss für Wind auch Photovoltaik einspeisen. Es ist dafür kein weiterer Netzausbau notwendig", sagt er.

Österreichs größte Windkraftanlagen

Auf Effizienz legt Püspök auch bei neu errichteten Windkraftanlagen großen Wert. Derzeit entstehen in Gols und Mönchhof 30 Anlagen mit einem Rotordurchmesser von 158 Metern und einer Gesamthöhe von bis zu 242 Metern. Es sind Österreichs größte Windkraftanlagen. "Mit dem Projekt steigern wir die Stromproduktion auf der gleichen Fläche um das dreieinhalb- bis vierfache", sagt Lukas Püspök. 90.000 Haushalte sollen damit mit grünem Strom versorgt werden.

Windkraftanlagen betreibt das Unternehmen auch in Oberösterreich, Niederösterreich, Steiermark, Ungarn und der Slowakei. Am Ende der Ausbauphase werden alle 120 Anlagen des Unternehmens in Summe über eine Terawattstunde Ökostrom ins Netz einspeisen. Das entspricht dem Stromverbrauch von mehr als 260.000 Haushalten.

Die Verabschiedung des Erneuerbaren Ausbau Gesetzes (EAG) vom Nationalrat fördert den Ausbau der Windkraft. Schließlich soll Österreich seinen Strom bis 2030 ausschließlich aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Doch je größer der Ausbau der Windkraft, desto öfters kommt es zu Kritik und Irritationen. Lukas Püspök schüttelt den Kopf, wenn er auf die Gefahr eines möglichen Blackouts angesprochen wird. "Es gibt ein Missverhältnis zwischen der tatsächlichen Gefahr eines Blackouts und der in letzter Zeit gestiegenen Angst vor einem Blackout", sagt er. "Das ist nicht nachvollziehbar." Er verweist auf Dänemark, wo 60 Prozent des Stroms mit Windkraft erzeugt werden. "Da gibt es auch kein Blackout", sagt er. Durch die zunehmende Digitalisierung steige der Strombedarf, räumt er ein. "Die Netze müssen ausgebaut werden, das passiert aber auch."

Ein immer wieder diskutiertes Problem ist auch der Abbau von Seltenen Erden und Metallen. Sie müssen abgebaut werden, um die Magneten der Windräder herzustellen, die Windkraftflügel sind nicht recycelbar und Naturschützer warnen immer wieder vor der Gefahr für Vögel.

Abbaubedingungen in Afrika und China

"Man muss das in Relation setzen", sagt Lukas Püspök. "Wir kommen aus einer Welt der Kohlekraftwerke und nun gibt es Beschwerden über nicht recycelbare Windkraftflügel und wir diskutieren über Abbaubedingungen von Metallen in Afrika und China." Das müsse zwar alles verbessert werden. Doch die derzeitigen Lösungen seien um ein Vielfaches nachhaltiger als die Lösungen, die wir bisher hatten.

Und zum vermeintlichen Vogelsterben führte Püspök vor zehn Jahren eine großangelegte Studie durch. Alle zwei Wochen seien hundert Anlagen auf der Parndorfer Platte abgegangen worden. "Das Ergebnis: Kein einziger Vogel einer gefährdeten Art wurde gefunden", sagt Püspök. "Es kann schon einmal ein Fasan im Nebel gegen den Turm fliegen. Aber die Anzahl der Fasane, die an Windkraftanlagen umkommt, ist sehr gering."

"Die Angst vor einem Blackout ist nicht nachvollziehbar", sagt Püspök. 
- © Tatjana Sternisa/WZ

"Die Angst vor einem Blackout ist nicht nachvollziehbar", sagt Püspök.

- © Tatjana Sternisa/WZ

Bleibt noch der Eingriff in das Landschaftsbild. Wie eine Armee stehen die turmhohen Stangen in den flachen Ebenen des Nordburgenlands. Und wenn die Sonne untergegangen ist, werden ihre Lichter zu einer roten Lichtorgel, die im Takt blinkt.

Sind die Burgenländer eines Tages aufgewacht und haben gesehen, dass ihr Land nun komplett anders aussieht?

"Am Anfang hatten wir ein schwaches Licht an den Windrädern", sagt Paul Püspök. "Mit jedem Genehmigungsverfahren kam etwas hinzu. Die rot-weiß-roten Markierungen an den Rotoren und dann die Blinkerei."

Den Effekt auf das Landschaftsbild könne man nicht wegdiskutieren, ergänzt sein Neffe. Auch, wenn die Burgenländer auf die in ihrem Bundesland erzeugte Windkraft stolz sind, darauf stolz sind, dass sie auf ein Zukunftsthema gesetzt haben und das Windrad im Vorspann jeder "Burgenland heute"-Sendung im Fernsehen zu sehen ist, könne er auch verstehen, wenn sich Menschen von den blinkenden Lichtern gestört fühlen. "Es wird technische Lösungen geben, dann wird das Blinken in der Nacht ein Ende haben", sagt er.

Das Thema ist ihm sichtbar unangenehm. Es geht ja um Nachhaltigkeit. Püspök betont daher, dass die Windräder kein unwiderruflicher Eingriff in die Landschaft sind. "Wenn unsere Kinder oder Kindeskinder draufkommen, dass es auch andere Möglichkeiten zur Stromerzeugung gibt, dann kann man die Windräder ja wieder abbauen", sagt er. "Nach zwei bis drei Wochen wäre dann gar nichts mehr sichtbar."

Es wäre wieder so wie früher. Als Paul Püspök im Gegenwind Gänse erlegte und kein blinkendes Windrad im Weg stand.