Der Winter steht vor der Tür, und die Gaspreise sind auf Rekordhoch. Wie die EU-Kommission einkommensschwachen Haushalten helfen will und warum man Wasserstoff als Speicher braucht, erklärt EU-Energiekommissarin Kadri Simson im Interview.

"Wiener Zeitung": Die Gaspreise haben Rekordhöhen erreicht. Wie stark hängt die EU von Energie aus Russland ab?

Kadri Simson: 90 Prozent des Erdgasbedarfs der EU werden importiert, zum größten Teil aus Russland. Diese Situation wird sich schrittweise ändern, je näher wir unserem Netto-Null-Ziel bis 2050 kommen. Eines der Hauptziele unserer Energiepolitik besteht darin, unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, egal aus welcher Quelle, zu verringern. Dadurch werden nicht nur unsere Energiesysteme nachhaltiger, sondern wir werden auch autonomer.

Wie wollen Sie einkommensschwache Haushalte unterstützen, die sich höhere Preise nicht leisten können?

Erleichterungen für einkommensschwache Haushalte haben in der jetzigen Situation natürlich oberste Priorität. Die EU-Kommission arbeitet seit Jahren an der Verringerung der Energiearmut. Jetzt, da wir mit hohen Preisen konfrontiert sind, erlauben es die EU-Vorschriften, verschiedene Hilfsmaßnahmen zu ergreifen. Es ist möglich, direkte finanzielle Unterstützung zu leisten, Energiesteuern und -abgaben zu senken oder bedürftige Verbraucher ganz zu befreien und dafür zu sorgen, dass in dieser schwierigen Zeit niemandem die Energieversorgung abgeschaltet wird. Die Entscheidung über die konkreten Schritte, die vor Ort angebracht sind, ist Sache der einzelnen Mitgliedstaaten, denn die Umstände unterscheiden sich europaweit stark.

Die Gasspeicher der EU sind zu 75 Prozent gefüllt. Reicht das aus?

Die Vorräte sind seit dem Sommer stetig gestiegen, inzwischen sind die Gasspeicher zu 77 Prozent gefüllt. Das ist zwar weniger als für diese Jahreszeit üblich, sollte aber unseren Bedarf diesen Winter decken. Was wir natürlich nicht vorhersagen können, ist das Wetter: ein langer, kalter Winter bringt andere Erfordernisse mit sich als ein kurzer, milder Winter.

Es ist geplant, das Emissionshandelssystem auf Verkehr und Gebäude auszuweiten. Wie sehen die Pläne aus und wann soll es losgehen?

Die Senkung von Treibhausgasemissionen ist in diesen beiden Sektoren bekanntlich schwer: 40 Prozent unserer energiebedingten Emissionen gehen auf Gebäude zurück, und im Verkehrssektor sind die Emissionen in den vergangenen Jahren sogar gestiegen. Deshalb schlagen wir vor, ab 2026 ein eigenes System zur Bepreisung von CO2-Emissionen zu schaffen, um die Nachhaltigkeit dieser Sektoren zu fördern. Begleitend wollen wir einen Klima-Sozialfonds einrichten, mit mehr als 70 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt. Er soll die Bürgerinnen und Bürger bei der Umstellung unterstützen, und zwar durch die Finanzierung von Investitionen in Energieeffizienz, neue Heiz- und Kühlsysteme und umweltfreundlichere Mobilität.

Wie hoch sind die Einnahmen aus dem Emissionshandelssystem in diesem Jahr und wie können die Mitgliedstaaten diese Einnahmen verwenden?

Von August 2020 bis August 2021 haben die Mitgliedstaaten Einnahmen in Höhe von 26,3 Milliarden Euro erhalten. 50 Prozent davon müssen für klima- und energiebezogene Zwecke ausgegeben werden; der Rest kann frei genutzt werden. Unter die klimabezogenen Ausgaben fällt auch Unterstützung für bedürftige Haushalte. Die EU-Kommission hat angeregt, dass die Mitgliedstaaten mit den Einnahmen aus dem Emissionshandelssystem jenen Endverbrauchern helfen, die besonders unter den steigenden Energiepreisen leiden.

Bis 2030 will die EU 65 Prozent Energie aus erneuerbaren Quellen erreichen. Dieses Jahr gab es weniger Energie aus Wind- und Wasserkraft als üblich. Wie gewährleisten Sie eine stabile Energieversorgung?

Bis 2030 wollen wir 65 Prozent erneuerbare Energien im Stromsektor erreichen - derzeit sind es etwa 33 bis 34 Prozent. Für den gesamten Energieverbrauch hat die EU-Kommission vergangenen Juli ein Ziel von 40 Prozent bis 2030 vorgeschlagen und damit das bisherige Ziel von 32 Prozent angehoben. Dies bedeutet natürlich, dass wir neben dem Ausbau der Wind- und Solarenergie auch unsere Speicherkapazität erhöhen müssen - dies ist eine unserer Prioritäten für die kommenden Jahre. Erneuerbarer Wasserstoff ist eine Möglichkeit, um variable erneuerbare Energie für Tage zu speichern, an denen wir weniger Wind und Sonne haben. Wir müssen unser Energiesystem generell flexibler gestalten - wir sprechen von "Systemintegration" -, damit es rasch auf Veränderungen bei Angebot und Nachfrage reagieren kann.

Welche Rolle spielt Wasserstoff bei der Energiewende?

Wasserstoff ist nicht das Wundermittel zur Lösung aller Herausforderungen, aber er spielt eine wichtige Rolle. Unsere Strategie besteht im Wesentlichen darin, möglichst viele Sektoren zu elektrifizieren, da es im Stromnetz am einfachsten ist, erneuerbare Energien zu integrieren. Allerdings gibt es einige Bereiche, in denen die Elektrifizierung nicht möglich oder sehr teuer ist - wie die Schwerindustrie und einige Verkehrsträger - und hier hat Wasserstoff großes Potenzial. Unsere Priorität ist erneuerbarer Wasserstoff aus Wind- Solar- oder Wasserkraft. Kurzfristig wird aber auch sogenannter blauer Wasserstoff benötigt, um den Markt anzukurbeln und den jetzigen Verbrauch von Wasserstoff, der aus Gas gewonnen wird, durch Kohlenstoffabscheidung und -speicherung zu dekarbonisieren. Wir schätzen, dass Wasserstoff 2050 etwa 13 bis 14 Prozent unseres Energiemixes ausmachen wird.

Über die Kernenergie und die Frage, ob sie im Taxonomie-Rahmen als nachhaltig gilt, wird gestritten. Wo sehen Sie die Kernenergie in den nächsten zehn Jahren?

Zehn Jahre sind wahrscheinlich ein zu kurzer Betrachtungszeitraum für die Kernenergie. Wir wissen, dass mehrere Mitgliedstaaten planen, Kernenergie zu nutzen, um ihre Energie- und Klimaziele zu erreichen. Das ist ihr Recht, jeder EU-Mitgliedstaat entscheidet selbst über seinen Energiemix. Laut unserer Analyse der Dekarbonisierungsszenarien, in denen die Politik der Mitgliedstaaten berücksichtigt wird, dürfte bis 2050 der Großteil unserer Energie aus erneuerbaren Quellen stammen, ergänzt von einem geringeren Anteil an Kernenergie in den Ländern, die sie nutzen wollen.

Hinweis: Das Interview wurde via E-Mail geführt.