Grün soll sie sein, die Zukunft der EU. Bis 2030 sollen die Treibhausgas-Emissionen um mindestens 55 Prozent gegenüber den Werten von 1990 sinken. 2050 soll der Staatenverbund dann klimaneutral sein. Der "Green Deal", das Leuchtturmprojekt von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, soll die EU dorthin führen. Windkraft, Solaranlagen und Wasserkraft sollen ausgebaut werden, um die 450 Millionen Menschen in der Union mit grünem Strom zu versorgen.

Da überrascht es, dass von der Leyen, die sich sonst gerne als grüne Politikerin präsentiert, auch graue Energieträger nicht ausschließen will. "Wir brauchen für den Übergang auch Nuklearenergie und Gas als stabile Energiequelle", schrieb sie Mitte Oktober auf Twitter.

Schon länger tobt ein Streit, ob Atomkraft und Gas als grün eingestuft werden oder nicht. Grundsätzlich lässt sich mit beiden Energieträgern Strom erzeugen - wenn auch nicht besonders ökologisch. Gas ist ein fossiler Energieträger, der beim Verbrennen das Treibhausgas CO2 freisetzt. Atomstrom verursacht keine Emissionen. Es gibt aber gute Argumente, die gegen die Kernenergie sprechen. Kernkraftwerke verschlingen unheimlich viel Geld, ohne staatliche Subventionen sind sie nicht rentabel. Kernenergie ist im Vergleich zu Windenergie teuer, der Bau neuer Kraftwerke dauert Jahre. Experten halten Atomkraft deshalb für nicht wirtschaftlich. Und die Frage, wo strahlender Atommüll gelagert werden soll, ist nach wie vor ungeklärt.

Gefährlich oder grün?

Im Energiemix der EU sind Kernkraft und Gas derzeit noch stark vertreten. Zwar waren erneuerbare Energien wie Windkraft 2020 erstmals die größte Energiequelle in Europa. Aber sie machen erst einen Anteil von 38 Prozent aus. Graue Energieträger wie Kohle und Gas stehen für 37 Prozent, ein Viertel entfällt auf Atomkraft. 14 von 27 EU-Staaten setzen aktuell auf Atomkraft. 108 Reaktoren gibt es in der EU.

Ob nun Atomkraft und fossiles Gas künftig ein grünes Label bekommen, darüber berät derzeit die EU-Kommission. Beide Energiequellen fehlen noch im entsprechenden Rechtsakt der EU-Taxonomie, der im April vorgestellt wurde. Eine Entscheidung dürfte demnächst fallen. Experten rechnen damit, dass beide Energieträger in die Taxonomie aufgenommen werden. "Die EU-Kommission wird den delegierten Akt in naher Zukunft verabschieden", heißt es von einem Sprecher der EU-Kommission gegenüber der "Wiener Zeitung".

Doch was ist die EU-Taxonomie überhaupt? Es klingt sehr technisch und ist es auch. Die EU hat auf rund 1000 Seiten Kriterien festlegt, um nachhaltige von nicht nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten zu unterscheiden. Wird in eine neue Produktionsanlage investiert, muss sie einem von sechs Umweltzielen dienen und darf keinem widersprechen. Zu den Umweltzielen zählen Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, Abfallvermeidung und Biodiversität.

Warum ist das aber so wichtig? "Die Taxonomie schafft Transparenz beim Verbraucher - ähnlich wie das Bio-Siegel auf Lebensmitteln", sagt Johannes Schroeten von der Klima-Denkfabrik E3G in Berlin. Unternehmen und Technologien können dann entsprechend gelabelt werden.

Im Kern geht es also darum, was künftig als grüne Investition eingestuft wird und in der Folge finanziell gefördert wird. Technologien bekommen ein grünes Mascherl, wenn sie nachhaltig und umweltfreundlich sind, um die Finanzströme verstärkt in grüne Technologien zu lenken. Die Taxonomie hat also weitreichende Auswirkungen auf die Finanzwelt. Schroeten spricht von einem "explosiven Wachstum" bei nachhaltigen Finanzprodukten.

EU büßt Glaubwürdigkeit ein

Frankreich, Polen und sechs weitere osteuropäische Länder setzen sich dafür ein, Atomkraft in die Taxonomie aufzunehmen. Frankreich deckt 70 Prozent seines Strombedarfs durch Kernenergie. Sie wird als Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität angesehen. Präsident Emanuel Macron hat erst vor kurzem angekündigt, neue Atomkraftwerke zu bauen.

Die osteuropäischen Länder hingegen sehen Gas als wichtiges Element in ihrer Energietransformation, sagt Schroeten. Frankreich und Tschechien befürchten, dass Investitionen in diesem Bereich ausbleiben. Ein Missverständnis, wie Schroeten erklärt: "Die EU-Taxonomie verbietet es niemanden, in bestimmte Sektoren zu investieren." Es gibt also keinerlei Verpflichtung, sondern es handelt sich bei der Taxonomie um eine Offenlegungsverordnung.


"Die EU-Taxonomie verbietet es niemanden, in bestimmte Sektoren zu investieren."

Johannes Schroeten, Klima-Denkfabrik E3G

Es können also auch weiterhin Investitionen in fossile Energieträger getätigt werden. Allerdings gibt es für große Unternehmen eine verpflichtende Berichterstattung, inwieweit ihre Aktivitäten die Kriterien der Taxonomie erfüllen, sagt Schroeten.

Auf der anderen Seite lehnen Länder wie Österreich, Deutschland und Spanien es ab, dass Atomenergie als grün klassifiziert wird. Klimaschutzministerin Leonore Gewessler hat bereits eine Klage angekündigt für den Fall, dass Atomkraft als nachhaltig eingestuft wird. Sie kann auf die Unterstützung von zahlreichen Umweltorganisationen setzen. "Die EU-Taxonomie läuft Gefahr, vom Goldstandard gegen Greenwashing hin zu einem Werkzeug der Atom- und Gaslobby für Greenwashing zu werden", sagt Erika Singer, Programmmanagerin Sustainable Finance beim WWF.

Das viel größere Problem sieht Schroeten aber in der Glaubwürdigkeit. Im Finanzbereich gibt es bereits Nachhaltigkeitsstandards, die Atomkraft und Gas ausschließen. "Das sind freiwillige Standards. Die EU hingegen würde einen Standard festlegen, der unter diesem Niveau liegt." Die Frage ist, ob Banken und Investoren bereit sind, die EU-Taxonomie aufzunehmen.