Banaler geht es nicht mehr: "Ja, wir können liefern!", schrieb Sebastian Hilscher in großen Lettern auf die Homepage seines Unternehmens Overtec. Doch in Krisenzeiten hat Banalität Gewicht. Was vor Corona und Ukraine-Krieg selbstverständlich war, wird nun zum Qualitätsmerkmal. Seit 40 Jahren besteht das Unternehmen, das Fertigteile für die Bauindustrie produziert. 40 Jahre, in der die Lieferkette wie geschmiert lief und der oberösterreichische Betrieb aus Attnang-Puchheim seine Materialen weit über Europa hinaus bezog. Doch damit ist es vorbei. So wie Overtec mit seinen 25 Mitarbeitern mussten nun viele heimische Unternehmen neue Wege finden, um ihr Geschäftsmodell am Leben zu erhalten. Mit erstaunlichen Erfolgen und einem großen Profiteur.

"In den vergangenen Jahrzehnten richteten sich alle in Richtung Globalisierung aus", sagt Hilscher. "Das Internet wurde besser, auf einmal war eine schnelle Kommunikation mit China und Indien möglich. Es war einfach und günstig Waren zu bestellen." Doch dann kam die Coronapandemie samt Grenzschließungen.

"Wir hatten gerade ordentlich an Wachstum zugelegt und waren optimistisch für die Zukunft", erinnert er sich. Als er das Unternehmen von seinem Vater im Jahr 2014 übernahm, gab es noch seine Mutter und einen weiteren Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 300.000 Euro. In wenigen Jahren versechsfachte er die Anzahl an Mitarbeitern. "Den damaligen Jahresumsatz machen wir heute in eineinhalb Wochen", sagt Hilscher. Doch mit den Grenzschließungen stand der Kleinbetrieb plötzlich vor dem Aus.

Die Ware bezog Overtec vor allem aus Russland, Ukraine und Indien. "Vor Corona dauerte es aus Indien mit dem Schiff drei Monate von der Bestellung bis zum Wareneingang, seither dauert es doppelt so lange." Viele Kunden drohten abzuspringen.

Stahlteile aus Europa

Hilscher setze alle Hebel in Bewegung und stellte die Lieferkette seines Unternehmens neu auf. Die Produzenten und Kunden suchte er nur noch innerhalb der EU. Es klappte. "Gegenüber Indien gibt es zwar Preisnachteile, aber die Stahlteile können auch aus Europa kommen", sagt er.

Keine Grenzübergänge, geringere Wartezeiten. "Es nimmt sehr viel Komplexität weg, wenn der Import und Export innerhalb Europas passiert. Außerdem hat Europa 500 Millionen Einwohner, der Markt ist riesig", sagt Hilscher. Seine Waren bezieht er heute aus Holland und Deutschland. "Wer die Krise überlebt, ist stärker als zuvor", sagt Hilscher. "Wir mussten uns so flexibel aufstellen, dass wir für die kommenden 30 Jahre krisenfest sind."

Die starke Abhängigkeit von russischem Erdgas bekam der Pharmakonzern Boehringer Ingelheim mit Standort in Wien und insgesamt 52.000 Mitarbeitern zu spüren. "Dieses Jahr sieht gar nicht gut aus", sagt Unternehmenssprecher Matthias Sturm. "Die möglichen Gaslieferstopps treffen uns voll."

Dem Konzern bliebe nun gar nichts anderes übrig, als bestehende Projekte vorzuziehen. "Wir wollten bis 2030 klimaneutral werden", sagt Sturm. "Das werden wir nun um einige Jahre beschleunigen."

Zuletzt gab Boehringer Ingelheim die Investition von 1,2 Milliarden Euro in eine neue Produktionsanlage in Bruck an der Leitha in Niederösterreich bekannt. Es ist die größte Investition in der mehr als hundertjährigen Konzerngeschichte.

Ein neues Risikoszenario

Mit der Anlage kann die Energieversorgung vom ersten Tag an CO2-neutral hergestellt werden, betrieben durch Biogas, Windkraft, Sonnenenergie und Hackschnitzel. Der Spatenstich erfolgt nächstes Jahr, drei Jahre später ist die Fertigstellung geplant.

Durch die Krise habe sich die Bewertungsbasis verändert, sagt der Konzernsprecher. "Es gibt nun ein anderes Risikoszenario, darauf mussten wir reagieren." Seine Klimaziele wird Boehringer Ingelheim nun schneller erreichen. "Die derzeitige Situation ist nicht super, sie ist aber auch nicht furchtbar", sagt er. "Es wird einfach nur anders."

Anfang März kündigte der norwegische Papierhersteller Norske Skog die Einstellung seines Betriebs am steirischen Standort Bruck an der Mur an, nach 140 Jahren standen die meisten Maschinen still. Wegen der enorm gestiegenen Gaspreise war die Produktion nicht mehr leistbar.

Doch die 450 Mitarbeiter mussten sich um ihren Arbeitsplatz keine Sorgen machen. Ein paar Wochen später ging die neue Energieanlage des Unternehmens in Betrieb, bei der Energie aus regionalen Ersatzbrennstoffen und Reststoffen wie etwa Papierfasern, Rinde und Klärschlamm gewonnen wird. Der Verbrauch und damit die Abhängigkeit von Erdgas kann damit um 75 Prozent verringert werden. 72 Millionen Euro kostete das Kraftwerk.

Kurz nach der Inbetriebnahme der Anlage verkündete Norske Skog auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Bruck. Gemeinsam investieren sie 120 Millionen Euro in das städtische Fernwärmenetz. In den kommenden Jahren sollen 80 Prozent der Haushalte mit in Bruck erzeugter Biofernwärme versorgt werden. Damit stärkt die Stadt ihre Unabhängigkeit von den fossilen Brennstoffen Erdgas und Erdöl und ist damit auch ihre Unabhängigkeit von geopolitischen Ereignissen.

Öffis mit Wasserstoffantrieb

Auch Halbleiter-Hersteller Infineon legt einen Gang zu. Im Spätsommer geht eine neue Elektrolyse-Anlage in Betrieb, die täglich 800 Kilogramm grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energiequellen erzeugen wird. Der Wasserstoff soll als Träger- und Prozessgas in der Halbleiterfertigung zur Anwendung kommen.

Zudem wird der aufgereinigte Wasserstoff nach Einsatz in der Fertigung künftig öffentliche Wasserstoff-Buslinien in Villach versorgen. Damit können rund 1,5 Millionen Buskilometer pro Jahr zurückgelegt werden.

Thomas Reisinger, Vorstand bei Infineon Technologies Austria sagt dazu: "Mit der Umsetzung der Elektrolyse-Anlage am Infineon-Standort Villach sind wir für die Zukunft in zweierlei Hinsicht gerüstet: mit einem wichtigen Beitrag zum Klimaschutz wie auch der notwendigen Versorgungssicherheit."

Versorgungssicherheit und Klimaschutz. Was vor der Krise gerne auf die lange Bank geschoben wurde, wird nun in Windeseile umgesetzt. Die kürzeren Wege von Overtec, die neuen nachhaltigen Kraftwerke von Boehringer Ingelheim, Norske Skog und Infineon sowie die Mitnutzung durch die Gemeinden.

Es sind erfolgreiche Unternehmen, die nun krisenfester werden. Und dabei auch noch die Natur schonen. So schön kann Banalität sein.