In Locarno wird es heuer viele Partys geben. Mit Musik, Tanz und vielen Flirts. Das ist erklärtes Programm. Denn die Filmschau im schweizerischen Tessin, die am Mittwoch, 7. August, eröffnet wird, bekommt dieses Jahr bei ihrer 72. Ausgabe eine neue Chefin, die das Filmprogramm verantworten wird, aber eben nicht nur das: Lili Hinstin, 42 Jahre alt, in Paris geboren, wurde schon im Vorjahr als Nachfolgerin des bisherigen künstlerischen Leiters des Festivals, des Italieners Carlo Chatrian, präsentiert. Chatrian wechselt mit 2020 als Nachfolger von Dieter Kosslick an die Spitze der Berlinale - und steigt damit in den A-Festival-Olymp auf.

Es ist nämlich so: Die großen Filmfestivals dieser Welt, derer gibt es vier in Europa, die wirklich zählen, lassen sich programmatisch stets den Stempel ihrer künstlerischen Leiter aufdrücken, das hat Tradition. Cannes, Venedig, Berlin und Locarno sind die Geburtsstätten von Filmgeschichte und besonders darauf erpicht, diese auch nachhaltig zu prägen und mit Personen und Persönlichkeiten verknüpft zu wissen. Deshalb ist ihnen Tradition und Kontinuität wichtig.

Garant fürs Nischenkino

Kosslick in Berlin machte den Job 18 Jahre, Thierry Frémaux ist in Cannes seit 2004 künstlerischer Leiter, in Venedig erledigt Alberto Barbera seit 2011 denselben Job, nachdem er bereits ab 2002 wiederholt in der Lagunenstadt zum Einsatz kam. Nur Locarno, das kleinste der "Großen", tanzte in Sachen Kontinuität etwas aus der Reihe. Fréderic Maire und Olivier Père dienten je drei, Carlo Chatrian immerhin sechs Jahre an der Spitze, und Lili Hinstin ist die Neue im Amt. Ob auch ihr Vertrag nach drei oder sechs Jahren endet, wird sich erst weisen. Immerhin hat sie sich viel vorgenommen, wie sie in einigen Interviews schon verriet. Eine Maßnahme sind beispielsweise die erwähnten Partys: So will Hinstin, die als profunde Kennerin des Arthaus-Kinos gilt, wieder mehr junge Menschen nach Locarno locken. Die These: Wenn es gute Partys gibt, viel Tessiner Wein und soziale Kontakte, dann wird auch das Kino davon profitieren. Was gibt es Schöneres als ein Filmerlebnis auf der 8000 Zuschauer fassenden Piazza Grande zu erleben, Open Air und bei sommerlichen Temperaturen? Gemeinschaftlicher kann Kino kaum sein, davon ist Hinstin überzeugt.

"Und es gibt hier den See (der Lago Maggiore, Anm.), der zu einer Abkühlung einlädt", sagte Hinstin der "Neuen Zürcher Zeitung" kürzlich. Ob der See denn nicht die direkte Konkurrenz zum Kino wäre, wird sie gefragt. "Das ist kein Konkurrent, es hat Platz für beides", so Hinstin. "Sie haben die Wahl zwischen zwei wunderbaren Dingen, das ist viel besser, als gar keine Wahl zu haben. Auch mag ich Festivals in sehr kleinen Städten: Man trifft sich überall. Es gibt dieses Gemeinschaftsgefühl unter den Cinephilen, die nach Locarno kommen und über die Filme sprechen. Ein Festival mit einem Arthouse-Programm, aber nicht nur für Spezialisten, sondern für ein richtig großes Publikum: Das ist weltweit einmalig."