Tatsache ist, dass das Festival von Locarno seit Jahrzehnten ein Garant für Nischenkino, für sperrige Filme, für große Entdeckungen und auch für filmische Visionen und Irrwege gewesen ist - deshalb haftet ihm der Ruf an, das experimentierfreudigste Festival der Großen Vier zu sein. Auch unter Hinstins Vorgänger Chatrian hat sich dieser Trend verstärkt: Der italienische Cineast war bekannt für seine durchaus gewagte Auswahl von teilweise sehr abseitigen Filmemachern und verschaffte so auch etlichen neuen Stimmen des Weltkinos Gehör. Das beste, was sich so ein Festival als Image wünschen kann.

In diese Fußstapfen muss Lili Hinstin jetzt treten, und sie scheint auch ein Rezept zu haben, wie man diesen Weg - mit eigener Handschrift - fortsetzen kann: "Wir müssen uns wieder mehr überraschen lassen", sagt Hinstin. "Wo bleibt den sonst das Unerwartete?" Die Festivaldirektorin spielt damit auch auf ein zentrales Problem der gegenwärtigen Filmrezeption, -produktion und -vertriebswege an: Spätestens durch Netflix, Amazon und Co. ist die scheinbare Vielfalt in den Kinosälen und vor den Fernsehern zwar zahlenmäßig gewachsen, aber durch die Algorithmen der Produzenten wird oftmals nur mehr produziert, was der zahlende Kunde angeblich auch sehen will. Resultat: Immer mehr Menschen sehen immer ähnlichere Programme in immer weniger Sendern und Kinos, weil der uniformierte Geschmack durch den Algorithmus die beliebten Geschichten fortschreibt und die zunächst nicht so beliebten gleich aussortiert.

Entdeckungen

Eine Selektion, wie sie in der Filmgeschichte nur falsch sein kann: Es gibt unzählige Filme, die bei ihrer Premiere durchfielen und erst später reüssierten und gar zu Klassikern wurden. Solche Filme drohen heute schon von vorneherein durch das Raster zu fallen; sie werden möglicherweise gar nicht erst produziert.

Dem wirkt Lili Hinstin mit Experimentierfreude kräftig entgegen: So werden heuer neue Werke von Ulrich Köhler, Henner Winckler, Rabah Ameur-Zaïmeche, João Nicolau oder Rúnar Rúnarsson um den Goldenen Leopard rittern - Filmemacher, die man zumindest in Teilen der Welt schon kennt. Namen wie Nadège Trebal, Basil da Cunha, Maura Delpero oder Maya Da-Rin sind vielfach noch kaum jemandem ein Begriff. Entdeckungen sind also möglich.

Damit auch die junge Netflix-Generation von ihrem bequemen Sofa ins Kino gelockt wird, streut Hinstin aber auch breitenwirksame Filme ein, etwa Quentin Tarantinos neuen Film "Once Upon a Time in Hollywood". Und danach gibt es noch eine ordentliche Party.