Arnold Schwarzenegger und das Filmfestival von Locarno haben eigentlich nichts gemeinsam, außer, dass sie ziemlich gleichzeitig ihren 75. Geburtstag feiern. Während die "steirische Eiche" das bereits am Wochenende zelebriert hat, geht es am Mittwoch in Locarno mit der Jubiläumsausgabe los.

Doch nicht das Blockbusterkino des Ex-Terminators steht hier im Fokus der Besucher, sondern das eher elitäre Arthaus-Kino aus Europa und anderen Teilen der Welt. Wobei: Wer sich am 4. August auf der Piazza Grande, die immerhin 8000 Zuschauer in einem Open Air-Kino vereint, den neuen Film mit Brad Pitt ansieht, der ist von Schwarzeneggers Jubel-Filmen nicht mehr weit entfernt: Mit "Bullet Train" feiert hier eine Blockbuster-Granate seine Europa-Premiere, bei der der 58-jährige Pitt in seiner Rolle als Profikiller an Bord eines japanischen Hochgeschwindigkeitszuges nicht nur viel Blut und Blut und Blut zu sehen bekommt, sondern auch von zehn weiteren Killern gejagt wird. Und eine Giftschlange ist auch an Bord.

Giona A. Nazzaro, Leiter des Festivals Locarno. - © K. Sartena
Giona A. Nazzaro, Leiter des Festivals Locarno. - © K. Sartena

Aber das ist das Programm, das Giona A. Nazzaro, der Leiter des Festivals, gerne für die breiteren Besuchermassen parat hält. Sonst ist Locarno eher ein Mekka der bislang unentdeckten Filmkunst. Mitten in der Pandemie hatte Nazzaro die Leitung des Festivals übernommen; im Schweizer Branchenblatt "Filmbulletin" sagte er über die Festivalausgabe 2021: "Wir haben nicht nur ein Festival, sondern ein riesiges soziales und kulturelles Experiment veranstaltet. Meine persönliche Meinung ist, dass es unglaublich gut lief. Das Publikum hat sich sehr gefreut, zurück im Kino zu sein und nach der Pandemie wieder in einen Dialog mit der Welt treten zu können. Ich denke, Locarno hat seine Rolle als eines der fünf bis sechs wichtigsten Festivals in Europa und der Welt behaupten können." Die Konkurrenz: Cannes, Venedig, Berlin, Karlovy Vary. Locarno steht da ziemlich gut da.

Ruth Mader und Nikolaus Geyrhalter im Wettbewerb

Für heuer hat sich beim Festival vor allem eine starke Präsenz des österreichischen Films angekündigt: Gleich zwei Filme laufen im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden, und zwar Ruth Maders Spielfilm "Serviam - Ich will dienen" und Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm "Matter Out of Place". Mader feiert die Weltpremiere ihres Glaubensdramas mit Maria Dragus, die als Nonne in einem Mädcheninternat gegen den Untergang des Glaubens kämpft. Und Geyrhalter referiert über den Müll der Welt und den Umgang der Menschheit damit. Starke, aber harte Stoffe, mit denen Österreichs Kino hier aufzeigt.

Aber Locarno kann auch Hollywood, das hat man in den letzten Jahren bewiesen: Heuer wird etwa Matt Dillon für sein Lebenswerk geehrt, das passiert am 4. August auf der Piazza Grande, und zwar, weil der Schauspieler "andauernden Erfolg und bei mehreren Generationen Beliebtheit erreicht hat, ohne jemals aufzuhören, neue Herausforderungen anzugehen und neue Ausdrucksformen zu entdecken", sagt Nazzaro. Es ist eine frühe Lebenswerk-Ehrung, aber auch eine verdiente.

Doch auch jüngere Shooting-Stars nutzen Locarno als Bühne: "Das 75-jährige Jubiläum ist eine Feier, die in die Zukunft blickt", sagt Nazzaro. Und so bittet man etwa die 24-jährige Britin Daisy Edgar-Jones auf die Bühne, die den Leopard Club Award erhalten wird, weil sie "eine der hervorragendsten Schauspielerinnen ihrer Generation" ist, wie das Festival vermeldet. Sie hatte mit der Hauptrolle in der Serie "Normal People" (2020), die auf dem gleichnamigen Roman von Sally Rooney basiert, ein Millionenpublikum erreicht. Bei den Herren ist es Aaron Taylor-Johnson, der einen Preis namens "Excellence Award" erhalten wird, und zwar "für einen jungen und extrem talentierten Schauspieler, der in der Lage ist, alle Publikumsschichten anzusprechen und von einem Genre zum anderen zu springen, angetrieben von seiner Fähigkeit, sich immer in die Schusslinie zu begeben und höchstes Risiko zu gehen", so das Festival. Er ist in Locarno im Actionkracher "Bullet Train" zu sehen, der in Österreich kommenden Freitag anläuft. Und damit ist die elitäre Kunstfilmschau näher dran an Schwarzenegger, als man denkt.