Locarno. Alexander Sokurov ist einer der höchst dekorierten russischen Filmemacher, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen in Venedig für "Faust" (2011) und unzähligen weiteren Preisen. Der 71-jährige hat sich in seiner Karriere über Jahrzehnte an den Diktatoren dieser Welt abgearbeitet, an Stalin, an Hitler, an Mussolini. Seine Filme "Russian Ark", "Moloch", "Taurus" oder "Die Sonne" gelten als künstlerische Meisterwerke, und doch wurde ihm zuletzt eine offenbare Nähe zu Wladimir Putin vorgeworfen. Kann man so jemanden zu einem Festival wie Locarno überhaupt einladen, fragen schon manche Pressevertreter. Man kann, lautet die Antwort von Locarno-Leiter Giona A. Nazzaro. Überhaupt, nachdem man in Cannes Sokurovs neuen Film "Skazka - Fairytale" bereits fix im Programm platziert hatte, nur, um ihn kurz vor der Premiere wieder auszuladen.

"Wir haben davon kurzfristig erfahren", so Sokurov im Gespräch in Locarno. "Den Verantwortlichen in Cannes war das Thema des Films offenbar zu heiß".

Diktatoren bei Gott

Dabei ist es eine intelligente Weiterführung von Sokurovs Lebensaufgabe, sich dem Verstand der großen Führer zu widmen, unter denen die Welt im 20. Jahrhundert gelitten hat. In "Skazka" treffen Politiker und Diktatoren wie Hitler, Stalin, Mussolini oder Churchill in einer Art Vorhölle aufeinander, jeder klopft an die Himmelstür Gottes und wird abgewiesen. Visuell umgesetzt ist das in einem bleistiftartig animierten Stil, in dem Sokurov ausschließlich authentische, historische Aufnahmen seiner Protagonisten mit deren Gedanken kombiniert; alle bleiben in ihren beschränkten Allmachtsphantasien verhaftet, es ist ein famoses, gar nicht so fiktionales Kaleidoskop von Bosheit, Machtgier und Besessenheit, das auch gut auf aktuelle Weltkonflikte übertragbar wäre. Allein: Dazu will sich Sokurov nicht eindeutig äußern.

Eine Nähe zu Putin gäbe es nicht, so Sokurov; viele Künstler in Russland würden nun fürchten, verhaftet zu werden, sagt er. "Niemand weiß, wer warum verhaftet wird. Die Stimmung unter den Künstlern ist schlecht. Ich habe meinem Präsidenten viele Fragen zukommen lassen", so Sokurov. "Und ich warte leider bis heute auf seine Antworten". Konkreter wird er nicht, das geht in 20 Minuten Interviewzeit wohl auch nicht.

Dass "Skazka" in Cannes wieder ausgeladen worden ist, hat für Sokurov einen klar erkennbaren Grund: "Das Festival von Cannes ist wie ein Grashalm im Wind, es dreht sich so, wie der Wind es will", sagt Sokurov. "Zum Glück ist die Schweiz ein neutrales Land. Da gibt es so etwas nicht, da kann mein Film problemlos gezeigt werden".