Locarno war stets ein guter Boden für den österreichischen Film: Immer wieder haben hier heimische Produktionen ihre Weltpremiere, die später große Erfolge einfahren, egal, ob es sich dabei eher um Mainstream-Ware wie "In 3 Tagen bist du tot" (2006) von Andreas Prohaska oder Filmkunst wie "Der siebente Kontinent" (1989) von Michael Haneke handelte. Erst im Vorjahr stellte Stefan Ruzowitzky hier sein düsteres CGI-Zwischenkriegsdrama "Hinterland" vor. Locarno liebt das Experimentelle, das Spröde, zuweilen auch den Mainstream; ein Spagat, der kaum einem anderen Festival so gut gelingt wie diesem.

Entrisches Internat

Zum 75. Geburtstag sind erneut zwei heimische Produktionen hierher in den Wettbewerb geladen: Nikolaus Geyrhalter wird mit "Matter Out of Place" den Umgang der Menschen mit ihrem Müll untersuchen (die "Wiener Zeitung" wird am Freitag berichten), die Wiener Regisseurin Ruth Mader zeigte am Dienstag die Weltpremiere ihres neuen Spielfilms "Serviam - Ich will dienen" im Wettbewerb. Maria Dragus kämpft darin als Nonne in einem Mädcheninternat gegen den Untergang des Glaubens; der Film ist eine sehr klare, spröde und geometrisch angeordnete, kritische Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und seinen Spielformen. Mader erzählt die Geschichte eines 12-jährigen Mädchens, das es mit dem Glauben besonders ernst zu meinen scheint und als Ausdruck dieses Ernstes einen Bußgürtel anlegt; damit zieht sie sich schwere Verletzungen am Bauch zu und wird von der Internatsleitung in ein leerstehendes Stockwerk verlegt. Andere Schülerinnen interessieren sich dafür, wieso der Gang in dieses Stockwerk generell untersagt ist, wieder andere geraten in der entrischen Atmosphäre des Internatsbetriebes rasch an ihre psychischen Grenzen. Auch an die Grenzen ihres Glaubens.

Regisseurin Ruth Mader. - © zvg
Regisseurin Ruth Mader. - © zvg

"Für mich ist diese Geschichte eine fiktionale Erzählung, die ich gemeinsam mit Martin Leidenfrost geschrieben habe. Wir beide sind katholisch erzogen, ich selbst bin in einem Internat gewesen, und obwohl die Ereignisse im Film völlig frei erfunden sind, haben wir beide beim Schreiben davon profitiert, zu wissen, wie sich das anfühlt, wenn man als Kind eine solche Erziehung bekommt", sagt Ruth Mader im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" beim Filmfestival in Locarno.

Radikaler Glaube

"Serviam - Ich will dienen" zeigt, welche Ausformungen radikaler Glaube annehmen kann, das war auch das Ziel der Regisseurin: "Die brennende Frage, die ‚Serviam‘ bis ans Ende durchexerziert, ist überzeitlich: Was, wenn da plötzlich jemand die Lehre vom Sinn des Leidens radikal lebt? Und was, wenn ein Kind aus Liebe zu Christus in den Tod zu gehen bereit ist?", fragt Mader. "Viele der Mädchen, die in dieses Internat gehen, tun das nicht freiwillig. Ihnen wird das Internat als Ausbildung verkauft, von den Eltern, sie werden dazu gezwungen, diese Ausbildung zu machen, denn mit 12 Jahren ist man nicht soweit, das selbst beurteilen zu können", sagt Mader. Gerade das ist auch das Alter, in dem religiöse Einflussnahme gut greift, das zeigt ein Blick in andere Religionen. Dabei ist das Religiöse bei den meisten Eltern gar nicht ausschlaggebend: "Diese Gesellschaft ist bereits säkular, den meisten dient das Katholische nur noch als Attribut elitärer Abgrenzung", so Mader.

Radikalismen in den Religionen, sie gehören zu den am häufigsten thematisierten Entwicklungen im Weltkino; kaum ein Film aus dem islamischen Raum, in dem der Glaube keine wesentliche Rolle spielt. In unseren Breiten hat man die (radikale) Auseinandersetzung mit Gott im Kino noch nicht sehr häufig gesehen. "Serviam" übt sich hier in großer Konsequenz, wenn Ruth Mader mit aller Strenge auf die Einprägsamkeit der Lehrsätze dieser Schwestern und Pädagoginnen hinweist; im Glauben geeint zu sein, das ist das eigentliche Ziel dieses Internats, und doch ist es eher die Furcht davor, den Glaubensanforderungen nicht zu entsprechen, die viele Mädchen hier eint. Zweifel können ein guter Motor sein, in Kombination mit Angst sind sie mitunter toxisch; eine Schülerin, die ihrem Gott vertraut, sodass sie zu Sterben bereit ist, die ist zweifellos schon so weit radikalisiert, wie es ihre Lehrerin verlangt. Wem ist damit gedient? Diese Frage beantwortet "Serviam" nicht.

Aber auch der Schwund des Glaubens ist Thema in Maders Arbeit: Schließlich siedelt sie die Handlung in den 80er Jahren an, als schon längst die Alarmglocken schrillten in den katholischen Internaten und in der Kirche, der die Leute davonliefen. Damals begann, was heute seinen Höhepunkt findet: Der Vertrauensverlust in katholische Werte und in das "Bodenpersonal Gottes" (Copyright EAV) hat nicht erst seit den Missbrauchsskandalen der letzten Jahre einen Höhepunkt erreicht. Gut möglich, dass es für Ruth Maders "Serviam" im Lichte dieser Aktualität auch einen Preis in Locarno geben könnte.