Locarno. Mit ihrem Film "Jack" über den österreichischen Mörder Jack Unterweger blickt Regisseurin Elisabeth Scharang nach "Franz Fuchs - Ein Patriot" erneut auf ein Stück österreichische Kriminalgeschichte.

"Österreichischer Mörder, Schriftsteller und in erster Instanz verurteiler Serienmörder", so weist die allgemeine Kurzbio Jack Unterweger aus, und tatsächlich ist es gerade auch seine Herkunft, welche die steirische Regisseurin Elisabeth Scharang an der fiktionalen Aufarbeitung seiner Geschichte interessiert hat: Für ihren Film "Jack", der am Samstag Abend beim Filmfestival in Locarno seine Weltpremiere auf der Piazza Grande feiern durfte, ging sie an den niemals restlos aufgeklärten Kriminalfall auch mit dem Ziel heran, "diesen zweiten Blick zu wagen, den Zweifel zu suchen", wie sie in unserem Gespräch erklärt: "Man will es ja gerade auch in Österreich oft lieber nicht so genau wissen und sucht besser den Konsens, um keine Scherereien zu haben."

Unterweger hatte 1974 eine junge Frau stranguliert, saß dafür bis zu seiner bedingten Freilassung eine 15-jährige Haftstrafe ab und startete während dieser Zeit eine Karriere als Autor und Herausgeber der Literaturzeitschrift "Wortbrücke", für die unter anderem auch Elfriede Jelinek schrieb. Sechs Monate nach seiner Entlassung begann eine Reihe von Morden an Prostituierten, die alle dieselbe Handschrift trugen: Strangulation mit ihrer Unterwäsche, die zu einem Henkersknoten gebunden war. Unterweger wurde wieder verdächtigt, leugnete beharrlich und wurde 1994 erneut verurteilt, worauf er sich in seiner Zelle erhängte.

Hofnarr der High Society

Weltpremiere in Locarno: Die "Jack"-Hauptdarsteller Corinna  Harfouch und Johannes Krisch. - © Katharina Sartena
Weltpremiere in Locarno: Die "Jack"-Hauptdarsteller Corinna  Harfouch und Johannes Krisch. - © Katharina Sartena

In Scharangs Film spielt Johannes Krisch Unterweger als Dandy und Liebling der Frauen sowie der damaligen kultur-intellektuellen Szene, die ihn gleichsam als "Symbol dafür unterstützt hatte, dass man sich für eine Strafrechtsreform einsetzte hat und Resozialisierung stärken wollte", so Scharang. "Aber eigentlich war er der Hofnarr der High Society." Sie selbst erlebte ihn als "sehr elegant, korrekt, zuvorkommend, irgendwie spießig und nicht besonders attraktiv. Ich glaube, was die Frauen besonders an ihm schätzten, war, dass er ihnen das Gefühl geben konnte, im Mittelpunkt zu stehen. Er konnte sehr gut zuhören."

Sieben Jahre hat Scharang an "Jack" gearbeitet; die Idee, seine Geschichte überhaupt zu verfilmen, war aber nicht ihre: "Mein Produzent Dieter Pochlatko schlug mir vor, diesen Stoff aufzurollen und ich lehnte spontan ab." Pochlatko hatte 1998 selbst mit Unterweger bereits den Film "Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus" gemacht; allein in der epo-Film lägen aus den letzten 18 Jahren von zehn unterschiedlichen Autoren Projekte vor, die nie realisiert wurden, so Scharang. Die Frage, was man der Geschichte Neues abgewinnen kann, stellt sich tatsächlich. Von der TV-Dokumentation bis zum Theaterstück diente das Leben Unterwegers bereits als Vorlage (u.a. für "Black Jack" von Franzobel und "The Infernal Comedy" mit John Malkovich aus dem Jahr 2008) - und mit Wilhelm Hengstler konnte Unterweger 1988 ein selbst geschriebenes Drehbuch als Biopic realisieren.

Ein Stück Zeitgeschichte

Johannes Krisch spielt ein Stück österreichischer Zeitgeschichte. - © Katharina Sartena
Johannes Krisch spielt ein Stück österreichischer Zeitgeschichte. - © Katharina Sartena

Und doch - "so ein Stück österreichische Zeitgeschichte anzufassen", reizte Scharang letztlich, was wenig überrascht. Mit ihren Filmen "Meine liebe Republik" über Friedrich Zawrel, eines der Spiegelgrund-Opfer oder danach "Franz Fuchs - Ein Patriot" über den Briefbomben-Attentäter von 1997, positionierte sie sich bereits als historisch-politisch motivierte Beobachterin.

In "Jack" begeht Unterweger "nur" den ersten Mord, seine Beteiligung an den anderen belässt Scharang zweifelhaft. "Ich weiß einfach nicht, ob er die Morde begangen hat oder nicht", sagt sie. "Der Prozess wäre in die zweite Instanz gegangen, hätte er sich nicht umgebracht. Es ist also nichts vollständig geklärt. Auch die Indizien damals waren nicht etwa überwältigend eindeutig. Die DNA-Analyse steckte noch in den Kinderschuhen und heute wäre die Klärung vermutlich einfacher. Den Grundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ scheint niemand wirklich ernst genommen zu haben. Da hat es mich interessiert, näher hinzuschauen, warum und wie sich das erklären könnte. - Mir geht es aber keineswegs um eine neuerliche Resozialisierung Jack Unterwegers, sondern genau um die Frage: Warum tun wir uns so schwer, unser persönliches Urteil zu revidieren, sobald wir es einmal auf welcher Basis auch immer festgelegt haben?"

Unterwegers Frauenbeziehungen

In ihrem Film verankert Scharang die Figur Unterweger vor allem in seiner Beziehung zu drei Frauen, die sie an realen Vorbildern entwarf, so Scharang: "Seine erste Freundin Charlotte, die wir sehen, wie sie Zeugin seines ersten Mordes wird, die hat es im weitesten Sinne so gegeben." Unterweger wird nach seiner Freilassung von der Journalistin Journalistin Marlies Haum (im Film Birgit Minichmayr) gepusht, die ihm einen Verleger verschafft, ihn aber später ebenso schnell medial ans Messer liefert. "Sie ist Margit Haas nachempfunden, die quasi seine Busenfreundin war und mit der ich viele Gespräche geführt habe", sagt Scharang. Am zentralsten im Film aber ist die verheiratete Susanne (Corinna Harfouch), die mit Unterweger eine langjährige Affäre pflegt und ihn finanziert. "Diese Figur ist angelehnt an eine wohlsituierte Frau, die es ebenfalls genau so gegeben hat und die ihm damals in der Florianigasse eine Wohnung besorgt hat. Ich habe lange versucht, sie zu treffen, aber sie ist noch immer verheiratet und möchte darüber nicht mehr sprechen."

Krisch und Harfouch wirken im Film auch deshalb als interessantes Paar, weil Harfouch von der Geschichte im Vorfeld kaum etwas gewusst habe, so Scharang, während Krisch sich unter anderem auch in persönlich verfassten e-mails an Fördergeber während der Entstehungsphase des Films immer wieder dafür eingesetzt habe, das Projekt voranzutreiben. "Es enstand eine gute Dynamik dazwischen, den Film einfach als Film zu sehen und dem Anliegen, die Sache noch einmal irgendwie aufzurollen." Ob Unterweger nun schuldig oder unschuldig war, möchte Scharang aber auch in der Diskussion nach dem Film nicht zwingend geklärt wissen, sagt sie. "Aber die Diskussion - die soll es geben."