Ein Stück Zeitgeschichte

Johannes Krisch spielt ein Stück österreichischer Zeitgeschichte. - © Katharina Sartena
Johannes Krisch spielt ein Stück österreichischer Zeitgeschichte. - © Katharina Sartena

Und doch - "so ein Stück österreichische Zeitgeschichte anzufassen", reizte Scharang letztlich, was wenig überrascht. Mit ihren Filmen "Meine liebe Republik" über Friedrich Zawrel, eines der Spiegelgrund-Opfer oder danach "Franz Fuchs - Ein Patriot" über den Briefbomben-Attentäter von 1997, positionierte sie sich bereits als historisch-politisch motivierte Beobachterin.

In "Jack" begeht Unterweger "nur" den ersten Mord, seine Beteiligung an den anderen belässt Scharang zweifelhaft. "Ich weiß einfach nicht, ob er die Morde begangen hat oder nicht", sagt sie. "Der Prozess wäre in die zweite Instanz gegangen, hätte er sich nicht umgebracht. Es ist also nichts vollständig geklärt. Auch die Indizien damals waren nicht etwa überwältigend eindeutig. Die DNA-Analyse steckte noch in den Kinderschuhen und heute wäre die Klärung vermutlich einfacher. Den Grundsatz ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘ scheint niemand wirklich ernst genommen zu haben. Da hat es mich interessiert, näher hinzuschauen, warum und wie sich das erklären könnte. - Mir geht es aber keineswegs um eine neuerliche Resozialisierung Jack Unterwegers, sondern genau um die Frage: Warum tun wir uns so schwer, unser persönliches Urteil zu revidieren, sobald wir es einmal auf welcher Basis auch immer festgelegt haben?"

Unterwegers Frauenbeziehungen

In ihrem Film verankert Scharang die Figur Unterweger vor allem in seiner Beziehung zu drei Frauen, die sie an realen Vorbildern entwarf, so Scharang: "Seine erste Freundin Charlotte, die wir sehen, wie sie Zeugin seines ersten Mordes wird, die hat es im weitesten Sinne so gegeben." Unterweger wird nach seiner Freilassung von der Journalistin Journalistin Marlies Haum (im Film Birgit Minichmayr) gepusht, die ihm einen Verleger verschafft, ihn aber später ebenso schnell medial ans Messer liefert. "Sie ist Margit Haas nachempfunden, die quasi seine Busenfreundin war und mit der ich viele Gespräche geführt habe", sagt Scharang. Am zentralsten im Film aber ist die verheiratete Susanne (Corinna Harfouch), die mit Unterweger eine langjährige Affäre pflegt und ihn finanziert. "Diese Figur ist angelehnt an eine wohlsituierte Frau, die es ebenfalls genau so gegeben hat und die ihm damals in der Florianigasse eine Wohnung besorgt hat. Ich habe lange versucht, sie zu treffen, aber sie ist noch immer verheiratet und möchte darüber nicht mehr sprechen."

Krisch und Harfouch wirken im Film auch deshalb als interessantes Paar, weil Harfouch von der Geschichte im Vorfeld kaum etwas gewusst habe, so Scharang, während Krisch sich unter anderem auch in persönlich verfassten e-mails an Fördergeber während der Entstehungsphase des Films immer wieder dafür eingesetzt habe, das Projekt voranzutreiben. "Es enstand eine gute Dynamik dazwischen, den Film einfach als Film zu sehen und dem Anliegen, die Sache noch einmal irgendwie aufzurollen." Ob Unterweger nun schuldig oder unschuldig war, möchte Scharang aber auch in der Diskussion nach dem Film nicht zwingend geklärt wissen, sagt sie. "Aber die Diskussion - die soll es geben."