Mit dem Genrefilm "The Girl With All the Gifts" von Colm McCarthy hat das 69. Filmfestival von Locarno begonnen - und damit eine Zombie-Invasion über die Piazza Grande gebracht. Der postapokalyptische Film zeigt eine Welt, in der die Menschen durch eine mysteriöse Krankheit zu Menschenfressern werden. Ein hochintelligentes Mädchen lässt die Hoffnung aufkeimen, dass am Ende doch alle gut ausgeht.

Gemma Arterton, ehemals Bond-Girl aus "Ein Quantum Trost", spielt eine der Hauptrollen in dem Film, "aber ich war mir gar nicht bewusst, dass es sich hier um einen Genrefilm handelt. Zombies, Untote - beim Lesen des Drehbuchs klang das alles nicht so dramatisch". Ist es aber, wie die 8000 Zuschauer auf der Piazza Grande nun wissen. Arterton will sich künftig jedenfalls mehr der ernsthaften Filmkunst widmen: "Ich habe kleine Arthaus-Filme immer schon mehr gemocht als große Blockbuster", sagt sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" in Locarno. "Man hat dann mehr das Gefühl, etwas Familiäres zu schaffen. Und man kennt bei kleineren Filmteams wenigstens die Namen der Crew. Das ist bei großen Produktionen mit mehreren hundert Mitarbeitern nahezu unmöglich".

Solche Großproduktionen sind nicht unbedingt das Spezialgebiet des Filmfestifvals von Locarno, und trotzdem gibt es hier immer wieder potenzielle Kassenschlager im Programm. In diesem Jahr wird zum Beispiel "Jason Bourne" auf der Piazza Grande zu sehen sein, der fünfte Teil der Bourne-Reihe mit Matt Damon, erneut inszeniert von Paul Greengrass. "Ich mag Action-Filme sehr gerne", gesteht Locarno-Festival-Leiter Carlo Chatrian. Der Cinephile ist eigentlich ein Verfechter der Filmkunst, doch gegen gute Action hat auch er nichts. "Ich zeige gerne Filme wie ‚Jason Bourne‘ auf der Piazza, denn sie sind wirklich mitreißend", so Chatrian. "Es hängt natürlich davon ab, wann ein Film im Kino startet, und wie das Studio ihn vermarktet. Im Fall von ‚Bourne‘ hatten wir Glück, denn er läuft im August an und so ist Locarno ein perfekter Start für den Film".

Dass das Filmfestival immer schon ein Ort der Neuentdeckungen war, ist sein Markenzeichen; dass hier auch einige Stars erwartet werden - etwa Harvey Keitel oder Jane Birkin - ist ebenso Usus.

Nicht zum Alltag der Filmschau gehört es allerdings, dass sich deren Macher auch politisch äußern - nämlich außerhalb des Filmprogramms und der Filmauswahl. So geschehen heuer im Fall von Festival-Präsident Marco Solari, der sich wohlwollend gegenüber des Verhüllungsverbots äußerte, das im Tessin seit 1. Juli in Kraft ist.

"Wenn Leute zu uns kommen, sollen sie sich an unsere Regeln halten", sagte Solari dem Schweizer Boulevard-Blatt "Blick". In der Schweiz zeige man das Gesicht und gebe anderen die Hand, wird Solari zitiert. Das Ganze freilich vor dem Hintergrund, dass der Kanton Tessin schon im Jahr 1830 "die erste liberale Verfassung Europas" hatte.

Insgesamt sind in Locarno bis 13. August rund 250 Filme zu sehen, davon 17 im internationalen Wettbewerb um den Goldenen Leoparden.