Die Affäre Dreyfus , erzählt von Roman Polanski: Jean Dujardin, Louis Garrel in "J’accuse". - © Biennale Venezia
Die Affäre Dreyfus , erzählt von Roman Polanski: Jean Dujardin, Louis Garrel in "J’accuse". - © Biennale Venezia

Natürlich passieren einem solche Filme nicht zufällig. Natürlich sind sie vor allem "maßgeschneidert", das heißt: Konstruiert bis ins kleinste Detail, und das muss auch so sein: Nur dann funktionieren sie als Blockbuster, wenn sie die richtigen Trigger aktivieren beim Publikum. Als da wären: Brad Pitt, für den es nach seiner coolen Wiederauferstehung in Tarantinos "Once Upon A Time in Hollywood" keine Entsprechung mehr gibt; mit 56 wieder am Zenit seiner Popularität. Es gibt kein Argument gegen ihn, zumal er auch in seinem soeben in Venedig präsentierten Film "Ad Astra" Zeugnis davon abliefert, wie mühelos reduziert er Gesten setzen kann.

Der nächste Trigger bei "Ad Astra" ist das Weltall: Es zu bereisen ist der Menschheit größter Traum, und erst im Vorjahr hatte man mit "First Man" hier in Venedig einen von seiner Stimmung her ganz ähnlich gelagerten Film gesehen: Damals ging die Reise nur zum Mond, diesmal aber steht Science Fiction auf dem Label, und Pitt darf sich aufmachen zum Mars, und weiter in Richtung Neptun, wo er seinen Vater (Tommy Lee Jones) wähnt, einen verschollen geglaubten Raumfahrtpionier, dessen Legendenstatus aber nicht so astrein ist, wie zunächst angenommen. Und weil eine solche Reise viele Probleme machen kann, folgt Trigger Nummer drei: Rasante Effekte, die wohl dosiert besondere Wirkung entfachen. Da stürzt Pitt gleich zu Beginn von einer 15 Kilometer hohen Himmelsleiter, die die Menschheit zum Aufstieg ins All gebaut hat; Felix Baumgartner lässt grüßen, der Sprung aus dem All ist jedenfalls atemberaubend.

Dann folgt Trigger vier: Den braucht es, um auch das "anspruchsvollere" Publikum in das breitenwirksame Drama zu locken: Die größte Gefahr im Weltall sind nämlich nicht etwa Aliens oder Asteroiden oder Sonnenwinde, sondern der sich in der Einsamkeit des Alls bewegende Mensch selbst: Er ist anfällig für allerlei Seelenpein, das Alleinsein, die Depression, die weite Distanz zur Heimat Erde. Dafür braucht es eine tägliche psychologische Betreuung, und dieser Aspekt ist vielleicht der Interessanteste an "Ad Astra", der von der Presse einhellig gelobt wurde. Pitt verdient das Lob, auch der Handwerker James Gray, der den Film inszenierte und auch am Drehbuch mitschrieb. Autorenkino ist das trotzdem nicht, denn zu vieles hier genügt den Konventionen, zu viele Fährten werden gelegt und aufgelöst, und trotz der Bemühungen um visuelle, stilistische Einzigartigkeit ist dieses Raumfahrerdrama am Ende doch das Resultat eines Trends (was Autorenfilme nicht sein sollten): Zu den Sternen fahren ist gerade im Mondlandungsjubiläumsjahr in.

Ziemlich straff durchkonstruiert ist auch Roman Polanskis neuer Film "J’accuse", auch kein Autorenkino, sondern basierend auf dem Roman von Robert Harris. Der 86-jährige Polanski erzählt mit einiger Akribie die Affäre Dreyfus nach, die im Frankreich zu Ende des 19. Jahrhunderts für einen der größten Justizskandale sorgte: Alfred Dreyfus (Louis Garrel), ein aufstrebender Offizier der französischen Armee, wurde 1895 wegen Spionage für Deutschland zu lebenslanger Haft im Exil verurteilt.

Historische Akribie

Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) findet jedoch heraus, dass Dreyfus unrecht getan wurde und seine Verbannung einen anderen Hintergrund hatte: Der damals stark aufkeimende Antisemitismus verunmöglichte dem Juden Dreyfus zunächst einen fairen Prozess. Der Filmtitel "J’accuse" ist angelehnt an den berühmten offenen Brief von Émile Zola an Félix Faure, dem damaligen französischen Präsidenten, in dem der Schriftsteller die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe der Affäre Dreyfus informierte. Polanski zeichnet ein düsteres Bild der damaligen Geheimdienstarbeit, die weniger der Wahrheit dienlich sein sollte, sondern mehr der Bestätigung eigener Ressentiments, und die dem Antisemitismus den Weg ebnen sollte: die Wahrheit als Konstrukt, sozusagen. Polanski führt seine hervorragenden Schauspieler durch einen sehr wortlastigen Film voller historischer Details, deren Zusammenhänge man vorher kennen sollte.

Zur Premiere nach Venedig kam Polanski übrigens nicht; vermutlich hatte sein Fernbleiben mit der Angst zu tun, in Italien für die mehr als 40 Jahre zurückliegende Anklage der Vergewaltigung verhaftet und an die USA ausgeliefert zu werden. Matthias Greuling