Venedig. Es gibt wenig zu beklagen bei diesem 76. Filmfestival von Venedig: Der ganz große Wurf ist Festivalchef Alberto Barbera (bisher) nicht gelungen, vergleicht man die Programmauswahl 2019 mit der des Vorjahres. Damals war das Festival gespickt von Highlights, aber auch jetzt ist die Mischung immer noch sehr ansehnlich. Interessant ist dabei der Balanceakt, den der Wettbewerb vollführt: Zwischen spröder Arthaus-Filmkunst und breitem Blockbusterkino wird hier scheinbar gar nicht mehr unterschieden, so viele unterschiedliche filmische Zugänge gibt es heuer am Lido zu sehen.

Nehmen wir zum Beispiel Todd Phillips’ "Joker": Der DC-Comic-Antiheld hat Venedig im Sturm erobert (die "Wiener Zeitung" berichtete im Dossier unter www.wienerzeitung.at/venedig), Joaquin Phoenix bringt sich mit seiner vielschichtigen, brüchigen Darstellung eines Psychopathen in beste Oscar-Positionen, und insgesamt definiert diese Comicverfilmung das gesamte Genre neu. "Joker" ist ein Meilenstein des Mainstream, auch, weil Phillips sich traut, mit den Konventionen und Regeln des Blockbusterkinos zu brechen und daraus einen hocheffektiven Thriller generiert, der an den Look früher Scorsese-Filme aus den 70ern erinnert. Ein Meisterstück.

"About Endlessness" handelt vom Scheitern in allen Facetten, etwa von einem Priester, der seinen Glauben verliert. - © Filmfestspiele Venedig
"About Endlessness" handelt vom Scheitern in allen Facetten, etwa von einem Priester, der seinen Glauben verliert. - © Filmfestspiele Venedig

Das Martyrium eines Buben

Dem diametral gegenüber, aber nicht weniger brutal, steht "The Painted Bird", der schwarz-weiße, tschechisch-slowakisch-ukrainische Film von Regisseur Vaclav Marhoul. Ein junger jüdischer Bub, von den Eltern zur Sicherheit vor antisemitischer Verfolgung in Europas Osten zurückgelassen, muss sich den Weg durch sein ganz eigenes Martyrium bahnen: Eine verstorbene Tante, ein Großfeuer und ein eifersüchtiger Müller (mit großer Strenge gespielt von Udo Kier) leiten die Odyssee des Buben ein, die in dem wortkargen Drama für auffallend viel Sogwirkung sorgt und auch in brutalen Gewaltszenen keine Befriedigung findet. Mit knappen drei Stunden Laufzeit ist der Film trotzdem überraschend kurzweilig, auch, weil er in seiner Machart viele Vorbilder beschwört, Entdeckungen zulässt und im Gewand seiner Grobschlächtigkeit viel Tiefgang offeriert.

Tiefgang, oder zumindest inhaltliche Reichhaltigkeit besitzt auch Olivier Assayas’ Wettbewerbsbeitrag "Wasp Network", eine umfassende Geschichte zu kubanischen Spionen, die in den 90er Jahren in die USA ausbrachen, um von dort aus dem Castro-Regime zu schaden. Die Geschichte um mehrere Piloten, die neben ihrer Spionagetätigkeit auch noch in Drogenschmuggel verwickelt waren, folgt dem Buch des Brasilianers Fernando Morais, der darin von den "Miami Five" erzählt, einer Gruppe von fünf Kubanern, die als Teil eines Spionagenetzwerks 1998 verhaftet wurden. Assayas’ Verfilmung wirkt, als hätte er ursprünglich eine Serie damit vorgehabt, nun aber versucht, den umfangreichen Plot in zwei Stunden unterzubringen, so sprunghaft und fahrig zeigt sich "Wasp Network".

Fahrig ist auch die Protagonistin Ema, eine junge Tänzerin, aus dem Film "Ema" des Chilenen Pablo Larrain. Sie hat ihren Adoptivsohn "zurückgegeben", weil sie ihn nicht aufziehen konnte, und streift jetzt schuldbewusst von einer Liaison zur nächsten; das Ganze zeigt Larrain als beinahe schon hypnotische Meditation aus Reggaeton-Beats, die hier zu einer Film-Musik-Symbiose verschmelzen. Aber so ganz erschließen will sich "Ema" dem Zuschauer nicht, es sei denn, er begreift den Film mehr als Gefühlszustand denn als Erzählung.

Einer klassischen Erzählung verweigert sich auch der Schwede Roy Andersson mit seinem neuen Film "About Endlessness". Andersson bleibt dem stoischen und genau kadrierten, statischen Bildstil treu, den er schon in "Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach" etablierte. Für diesen Film erhielt er 2014 den Goldenen Löwen. Seine neue Arbeit betrachtet Menschen, die am Leben scheitern, es sind Durchschnittsbürger in beigen Einheitsmänteln und von untersetzter Statur; in manchmal zusammenhängenden, manchmal alleinstehenden kurzen Episoden zeigt Andersson das Scheitern in all seinen Facetten: Da verliert ein Priester seinen Glauben an Gott und verzweifelt daran, da ist ein trinkender Zahnarzt entnervt von seinem schmerzverzerrten Patienten, da hockt Adolf Hitler in seinem Führerbunker und wird aus dem Off als "Mann, der die Welt erobern wollte, aber einsah, dass er gescheitert war", beschrieben. Anderssons Kunst liegt in der zugespitzten, langsamen Provokation. "About Endlessness" steht am anderen Ufer der Filmkunst: sprödes Arthauskino in Bestform. Matthias Greuling