Das blaugrüne Funkeln in seinen Augen sieht man in seinem neuesten Film nicht auf der Leinwand. Denn "The Painted Bird" des tschechischen Regisseurs Václav Marhoul ist ein Schwarzweiß-Film. Dennoch behält Kier selbst hier den stechenden Blick, der ihn berühmt gemacht hat. Als Müller in einem kargen Landstrich gibt er einen überaus despotischen Ehemann, der seine Frau übel verprügelt, nachdem er ihr eine Liaison mit dem Knecht unterstellt hat; diesem kratzt er mit einem Suppenlöffel beide Augen aus.

Es ist eine der Höhepunkte an Brutalität in diesem Venedig-Bewerb und es ist auch einer der bemerkenswertesten Filme des Jahrgangs, an dem der Regisseur 15 Jahre lang gearbeitet hat. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman Jerzy Kosińskis, 1965 als autobiografisches Buch veröffentlicht, und es geht um einen jüdischen Buben, der in den Wirren der NS-Zeit von seinen Eltern im Osten Europas zurückgelassen wird, wo er auf sich allein gestellt ist und allerlei Pein miterlebt - unter anderem besagte Augenausstecherei und außerdem ein Bauernhaus in Vollbrand, in der seine tote Tante verbrennt. Die Odyssee, auf die er sich begibt, bringt ihn auch in die Nähe von Pädophilie, Sodomie und Sadismus; unterwegs begegnen ihm neben Udo Kier außerdem Harvey Keitel und Stellan Skarsgard, die ebenfalls in kurzen Auftritten zu sehen sind. Insgesamt drei Stunden mäandert "The Painted Bird" von Gewalt zu Gewalt, die Bilder erinnern dabei sehr an den virtuosen ungarischen Meister der Langsamkeit, Bela Tarr, der sich etwa in seinem Film "The Turin Horse" auch dem ruralen Leben in früheren Zeiten widmete und beeindruckende Bilder dazu fand. Bei Václav Marhoul sind diese Bilder fast noch stärker, doch die Spirale der Gewalt, die sich mehr und mehr ergibt, machen den Film schwer erträglich.

"The Painted Bird" ist ein Gewalt-Exzess in Schwarzweiß. - © La Biennale di Venezia
"The Painted Bird" ist ein Gewalt-Exzess in Schwarzweiß. - © La Biennale di Venezia

Für Udo Kier war die Mitwirkung in "The Painted Bird" übrigens ein Bedürfnis: "Wann immer es interessante, fordernde Filme gibt, bin ich gern dabei", sagt Kier über seine Rollenwahl. Und das ist vermutlich der Grund, warum der 74-Jährige heute zu den Kult-Stars des Weltkinos gehört und ihm auch jede Menge Auszeichnungen überreicht werden. "Sie geben mir in den nächsten Tagen gleich zwei Preise für mein Lebenswerk, einmal in Budapest und einmal in St. Petersburg. Wahrscheinlich denken sie, ich bin in einem Alter, in dem ich noch schnell solche Preise kriegen sollte, bevor es zu spät ist".