Venedig. Er ist der einzige Animationsfilm im diesjährigen Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig: "Cherry Lane No. 7" des Künstlers, Fotografen und Filmemachers Yonfan aus Hongkong erzählt von einer Dreiecksgeschichte zwischen einem Studenten, einer Mutter und deren Tochter, die der Student unterrichten soll. Der junge Mann wird bald mit beiden Frauen ein amouröses Verhältnis unterhalten, doch diese Konstellation dient Yonfan bloß als Rahmen für eine weiter gefasste Erzählung: Sein Film spielt nämlich 1967 in Hongkong.

"Zu dieser Zeit war ich gerade 20 Jahre alt und es war die schönste Zeit meines Lebens", sagt Yonfan im Gespräch. "Als ich damals von Taiwan nach Hongkong kam, wusste ich plötzlich, wie die Freiheit riecht. Es gab Unruhen auf den Straßen, die Kommunisten prallten mit der Regierung Hongkongs zusammen. Die Polizei und britische Truppen versuchten, die Leute zu unterdrücken. Ohne Erfolg. Doch plötzlich verschwand diese seltsame Macht wieder. Und nun, 52 Jahre später, kommt es in Hongkong erneut zu solchen Protesten, bei denen eine seltsame Macht im Spiel ist".

Yonfans Hongkong-Film ist mit der Hand gezeichnet und animiert (Ausschnitt einer Szene). - © La Biennale di Venezia
Yonfans Hongkong-Film ist mit der Hand gezeichnet und animiert (Ausschnitt einer Szene). - © La Biennale di Venezia

"Hongkong wird gerade
auf den Kopf gestellt"

Es sei reiner Zufall, dass Yonfans Film gerade jetzt herauskomme. "Denn ich arbeite daran bereits seit fünf Jahren". Die aktuellen Proteste in Hongkong konnte er nicht vorhersehen. "Hongkong wird gerade wieder auf den Kopf gestellt mit all der Gewalt", sagt Yonfan. "Wir haben alle Rechtschaffenheit und unsere Freiheit verloren und die Leute drehen völlig durch. Eine geheimnisvolle Macht hat Pandoras Box geöffnet und all das Böse aus den Menschen hervorgeholt. Wegen meines Films fragen mich nun alle nach den Zuständen zuhause." Dabei will Yonfan "Cherry LaneNo. 7" eher als eine große Liebeserklärung an Hongkong verstanden wissen denn als kritisches Zeitdokument. Der in 2D handgezeichnete und animierte Film versuche, die Stimmung jener Zeit einzufangen: "Ich wollte zeigen, wie man damals gelebt hat", sagt Yonfan. Und dennoch habe der Film auch Parallelen zur heutigen Gesellschaft."So wie die Unruhen damals wieder verschwunden sind, so hoffe ich auch heute, dass Hongkong bald wieder zur Normalität zurückkehren kann und dass sich in Pandoras Box auch noch ein Funken Hoffnung befindet."

Was "Cherry Lane No. 7" betrifft, kann sich zumindest Yonfan Hoffnungen machen: Trotz aller Parallelen zum zeitgenössischen Hongkong ist der Film keineswegs eine Polemik über politische Zustände, sondern gibt sich als verträumte Liebesgeschichte. "Ich habe mich für einen Animationsfilm entschieden, weil ich keine echten Menschen sehen wollte in meiner Geschichte. Dabei habe ich von Animation gar keine Ahnung. Ich bin auch kein Fan von Disney oder Pixar. Aber mir erschien es der richtige Weg zu sein, für diese, meine Erinnerungen die entsprechenden Bilder zu finden." Der Film schnitt bei der Kritik überaus positiv ab und wird sogar als Favorit für einen Preis gehandelt. Die Preise in Venedig werden am Samstagabend vergeben. Matthias Greuling