Sie ist schon jetzt so etwas wie das Gesicht dieser 77. Filmfestspiele von Venedig: Die britische Schauspielerin Vanessa Kirby, die man aus der Serie "The Crown" kennt, und auch aus Kinofilmen wie "Mission: Impossible - Fallout", hat das Festival mit ihrer Performance in gleich zwei Wettbewerbsfilmen erobert. Zuerst war sie in "Pieces of a Woman", dem englischsprachigen Debüt des ungarischen Regisseurs Kornél Mundruczó zu sehen, in dem sie mit ungeheurer Intensität eine Frau spielt, die mit der Totgeburt ihres Kindes umgehen muss; eine intime und schmerzliche Auseinandersetzung mit Trauer. "Ich habe etwas gesucht, das mir Angst machte", so Kirby in Venedig über ihre Rolle in "Pieces of a Woman". "Ich habe versucht, mich in die Frauen hineinzuversetzen, mit denen ich sprach, und ihren enormen Schmerz darzustellen."

Tags darauf war die 32-jährige Schauspielerin dann in "The World to Come" der norwegischen Regisseurin Mona Fastvold zu sehen, der Film erzählt in kleinen Gesten voller Leidenschaft von einer im Verborgenen ausgelebten lesbischen Liebe zweier Frauen auf einer Farm im Bundesstaat New York zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier überzeugen Kirby und Co-Star Katherine Waterston in einer minimalistisch aufgebauten Performance aus zaghaften Annäherungsversuchen und großen Gefühlen. Mona Fastvold, die bereits als Drehbuchautorin für die Regiearbeiten des Schauspielers Brady Corbet ("Vox Lux", "The Childhood of a Leader") verantwortlich war, führte Regie, Casey Affleck, der in "The World to Come" Waterstons Ehemann spielt, produzierte den Film auch selbst.

Die Corona-Pandemie erfordert zuweilen auch am Roten Teppich das Tragen von Schutzmasken. - © Katharina Sartena
Die Corona-Pandemie erfordert zuweilen auch am Roten Teppich das Tragen von Schutzmasken. - © Katharina Sartena

"Nach meiner Rolle in ‚The Crown‘ als Prinzessin Margareth habe ich versucht, forderndere Rollen zu finden", sagt Kirby. "Das ist mir gelungen, und vor allem in ‚Pieces of a Woman‘ gehörte dazu auch eine intensive Recherche. Eine der Frauen, mit denen ich vorab sprach, hat es geschafft, mir zu vermitteln, wie sich das Leben nach einem solchen Ereignis anfühlt. Sie sagte, dass sie sich auf dem höchsten Berg der Welt wähnte und in den Wind schrie, während alle anderen Menschen, alle ihre Lieben, ihr Leben fortsetzten, als wäre nichts passiert", so Kirby. "Das ist ein Gedanke, der mich sehr beeindruckt hat. Die Einsamkeit und Isolation dieser Frauen, das sind die Gefühle, die ich im Film darzustellen versuchte".

"The World to Come" sei hingegen eine "ganz gegensätzliche" Erfahrung für Kirby gewesen, aber nicht minder intensiv. "Es geht um Frauen aus einer anderen Zeit, die ihre Gefühle nicht ausleben durften", so Kirby. Aber hier bahnt sich die Leidenschaft dennoch ihren Weg.

Kirby, die ihre Karriere an Londoner Theatern begonnen hat, wurde dank Tom Cruise und "Mission: Impossible" einem größeren Publikum bekannt. Sie zeigt sich dankbar für diese Chance: "Ich liebe tiefe Charaktere, ich bin mit Heldinnen aufgewachsen, die von Tschechow, Ibsen, Shakespeare geschrieben wurden, ich liebe griechische Tragödien. Aber ich mag es auch, mich ins Unbekannte zu stürzen und das zu tun, was mir am meisten Angst macht. Ich hatte keinerlei Erfahrung mit Action, und neben Tom am Set von ‚Mission: Impossible‘ zu sein, war eine großartige Schule".

Dennoch möchte Kirby auch dem Kunst-Kino erhalten bleiben. "Ich will unbedingt weiterhin Filme mit Tiefgang drehen. Hier in Venedig kann ich sehen, wie sehr das unabhängige Kino unterstützt wird. Dass Venedig hier einen Neustart versucht, ist ein tolles Zeichen an alle. Es braucht Mut, aber es wird weitergehen".