Es ist erstaunlich, mit welcher Kraft das Filmfestival von Venedig der Pandemie zu trotzen versucht. Dass man das Virus hier nicht leugnen kann, ist an den Sicherheitsvorkehrungen deutlich gemacht, mit Maskenpflicht am Festivalgelände, auch im Freien, in den Kinos und mit Abstandsregeln. Wer die Italiener kennt, weiß, dass ihnen Letztere aber besonders schwer fallen, vor allem an den spätsommerlichen Wochenenden mit Badetemperaturen.

Immerhin: In den Kinos hat das Festival die Abstandsregeln mit bloß halber Belegung der Sitze im Schachbrettmuster ganz gut hinbekommen - und dank zahlloser Vorführungen ist auch immer ein Platz buchbar, sogar oft in letzter Minute. Unter Strich jedoch sind diese 77. Filmfestspiele von Venedig alles andere als eine Rückkehr zur Normalität, wie sie schon allerorts herbeigeschrieben wird; es ist eher wie ein kurzes Zeitfenster, in dem so etwas wie ein bisschen Normalität herrscht, ehe Schulstart und Herbsttemperaturen den gefürchteten Rückfall in März-Zustände bedeuten könnten.

Die Krise in Bildern

Auf der Leinwand, da ist die Krise noch nicht spürbar. Die meisten Filme, die hier im Wettbewerb laufen, sind bereits vor dem Ausbruch der Pandemie gedreht worden. Zwar findet das Coronavirus noch manches Schlupfloch ins aktuelle Kinogeschehen, dann aber nur in Miniaturen: Luca Guadagnino ("Call Me By Your Name") etwa hat mit seinem 12-Minüter "Fiori! Fiori! Fiori!" seine Eindrücke vom Lockdown im stillgelegten Italien eingefangen, Abel Ferrara hat seine (doch nicht uneitle) Doku über sich selbst, die er im Februar bei der Berlinale zu drehen begann, dann auch noch mit Bildern aus den italienischen Krankenhäusern, den Friedhöfen und Krematorien gespickt, sodass sein "Sporting Life" nicht nur Abfeierung von Ferraras Filmen und seiner Musik ist, sondern auch ein bisschen Mahnmal und Zeitkommentar. Für Covid-19 ist das Kino noch nicht reif, dazu ist die Pandemie zu allgegenwärtig und wirkt zu lähmend auf die Filmindustrie.

Jedoch befasst es sich gerne mit Vergangenem und lange zurückliegenden Vorfällen, das zeigt der 18 Filme umfassende Wettbewerb um den Goldenen Löwen: "Dear Comrades!" des Russen Andrej Konchalovsky thematisiert etwa den 1962 blutig niedergeschlagenen Aufstand von Nowotscherkassk gegen das Chruschtschow-Regime, exekutiert von einer brutalen Sowjetarmee, der man bis zu diesem Zeitpunkt nicht zugetraut hätte, dass sie auch auf das eigene Volk schießen würde. Aber die Befehlsketten der von einem korrupten und fehlgeleiteten System zerfressenen Sowjetunion sind intakt, und vor dem Hintergrund dieses "Funktionierens" ist eine dieser Frauen im systemtreuen KGB-Umfeld damit konfrontiert, dass ihre 18-jährige Tochter bei eben jenem Aufstand auf der Demonstrantenseite marschiert ist und hernach vermisst wird. Ihre Suche nach der Tochter führt auch zu einer Erschütterung ihres Glaubensbekenntnisses gegenüber dem Staat. Konchalovskys in schwarzweißen 4:3-Bildern gedrehtes Drama besticht durch eine stilistische Nähe zum Kino jener Zeit und verbildlicht so die damalige Wahrnehmung als Mixtur aus schmerzlich Erlebtem und harscher Propaganda.

Lesbische Liebe ohne Ventil

Zu den erquicklichen Arbeiten dieser Filmschau gehört Mona Fastvolds Frauenwestern "The World to Come". In einer abgelegenen Farm im Bundesstaat New York bekommen die Farmer Finney (Casey Affleck) und seine Frau Abigail (Katherine Waterston) neue Nachbarn. Speziell zwischen Tally (Vanessa Kirby) und Abigail entspinnt sich rasch eine zarte Zuneigung, die sich alsbald in großer Leidenschaft entlädt. Für lesbische Liebe gab es zur damaligen Zeit kein gesellschaftlich anerkanntes Ventil, also musste diese Liebe geheim bleiben. Mona Fastvold inszeniert ihre Schauspielerinnen in einer minimalistisch aufgebauten Performance aus zaghaften Annäherungsversuchen und großen Gefühlen.

In polnischen Wettbewerbsbeitrag "Never Gonna Show Again" von Michal Englert und Malgorzata Szumowska geht es hingegen erfrischend satirisch zu: Dort wirft ein ukrainischer Masseur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen des neureichen polnischen Mittelstands, der ein letztlich uniformiertes Dasein in seinen immer gleichen Luxus-Vorstadtvillen fristet; der Masseur verwöhnt mit heilender Massage und preist auch die Hypnose als Wundermittel an. Der Film ist voller Ideen, die er letztlich nicht alle zu Ende verfolgen kann, aber die atmosphärische Machart dieser Sozialsatire zeigt auch: Mit ein bisschen Massage wird diese polnische Gesellschaft nicht zu heilen sein.