Es war eines der außergewöhnlichsten Filmfestivals der Geschichte: Die 77. Filmfestspiele von Venedig waren die erste Großveranstaltung kultureller Art, die seit Beginn der Corona-Krise stattgefunden hat - das wurde bei der Preisverleihung deutlich, denn viele der Ausgezeichneten konnten wegen Corona gar nicht erst anreisen.

Den Goldenen Löwen für "Nomadland" von Chloé Zhao, mit Frances McDormand als Arbeitslose, die in einem Truck lebt, konnte niemand vom Team entgegennehmen, dafür kam der Marketingleiter von Disney Italia. Zhao und McDormand wurden dafür via Videobotschaft eingespielt, wie viele folgende Preisträger auch.

Goldener Löwe für "Nomadland": Der Film gilt damit auch als Favorit für die Oscars 2021 - © Disney
Goldener Löwe für "Nomadland": Der Film gilt damit auch als Favorit für die Oscars 2021 - © Disney

"Nomadland" ist ein mit viel Poesie erzähltes Drama um eine Frau, die versucht, ihre Perspektiven zu wahren, obwohl sie längst jede verloren hat: Frances McDormands Performance dürfte zu einer Oscarnominierung führen, das hat bei Filmen, die hier gewinnen, schon Tradition. "Nomadland" dürfte auch in weiteren Kategorien berücksichtigt werden.

Der Italiener Pierfrancesco Favino holte den Coppa Volpi als bester Schauspieler für den Film "Padrenostro" - © Katharina Sartena
Der Italiener Pierfrancesco Favino holte den Coppa Volpi als bester Schauspieler für den Film "Padrenostro" - © Katharina Sartena

Der große Preis der Jury ging an den Mexikaner Michel Franco, dessen brutale Dystopie "New Order" über einen Aufstand der Armen gegen die reiche Oberschicht in Mexiko. In seiner Dankesrede stellte Franco die Frage, ob sein Film nicht von der Realität schon überholt worden sei. "Haben wir wirklich etwas gelernt aus der Black-Lives-Matter-Bewegung und der Pandemie, oder wird danach alles so weitergehen wie gewohnt", fragte Franco.

Cate Blanchett stand in diesem Jahr der Jury des Filmfestivals vor. - © Katharina Sartena
Cate Blanchett stand in diesem Jahr der Jury des Filmfestivals vor. - © Katharina Sartena

Als beste Schauspielerin zog Vanessa Kirby vom Feld, die hier mit zwei Filmen präsent war: In "The World to Come" lebt sie eine lesbische Liebe im Amerika der 1850er Jahre, den Award bekam sie aber für "Pieces of a Woman" des ungarischen Regisseurs Kornél Mondruczó, in dem sie eine Mutter spielt, die während einer Hausgeburt ihr Kind verliert. Die hochemotionale Szene, die über 30 Minuten dauert und ohne Schnitt auskommt, hatte die Jury um Cate Blanchett offenbar vollauf begeistert. Kirby, die sich damit auch in Stellung um einen Oscar bringt, widmete den Preis unter anderem all jenen Frauen, die eine Fehlgeburt erleben mussten.

Bei den Herren war der Italiener Pierfrancesco Favino siegreich: Er spielte die Hauptrolle in "Padrenostro". Andrej Konchalovskys favorisiertes UdSSR-Drama "Dear Comrades!" bekam am Ende den Spezialpreis der Jury, bester Regisseur wurde Kurosawa Kiyoshi für "Wife of a Spy".

Die Preisträger auf einen Blick:

Goldener Löwe: "Nomadland" von Chloé Zhao

Silberner Löwe, Großer Preis der Jury: "New Order" von Michel Franco

Silberner Löwe für die beste Regie: Kurosawa Kiyoshi für "Wife of a Spy"

Beste Schauspielerin: Vanessa Kirby für "Pieces of a Woman"

Bester Schauspieler: Pierfranceso Favino für "Padrenostro"

Bestes Drehbuch: Chaitanya Tamhane für "The Disciples" (Indien)

Spezialpreis der Jury: Andrej Konchalovsky für "Dear Comrades!"

Marcello-Mastroianni-Preis: "Korshid" von Majid Majidi