Mit den Frauen ist es so eine Sache. Wenn sie verführerisch und begehrenswert sind, wird wohl kaum ein Mann meckern. Aber wehe, die Frauen übernehmen die Kontrolle! Dann könnte es für manch einen Mann eng werden, vielleicht sogar lebensgefährlich. Genau das zeigt sich derzeit beim Filmfestival Venedig, wo Frauen vor und hinter der Kamera auftrumpfen und Männer in die Schranken weisen.

Anya Taylor-Joy, bekannt aus der Netflixserie "Das Damengambit", verkörpert in "Last Night in Soho" so eine Sirene. Blonde Haare, sinnliche Lippen, eine umwerfende Figur. Kein Wunder, dass die Männer von ihr nicht genug bekommen können - und sie bald ausnutzen. Doch muss die junge Frau die Erniedrigungen wirklich über sich ergehen lassen? Nein, findet der britische Regisseur Edgar Wright ("Shaun of the Dead") und entfacht in seinem neuesten Werk ein feministisches und blutiges Horrordrama.

Was als stiller Film über die Außenseiterin Eloise beginnt, entwickelt sich bald zu einem vielschichtigen Grusel- und Rache-Thriller. Die junge Eloise zieht in der Gegenwart für ein Modestudium nach London und findet sich nachts immer wieder im London der 60er-Jahre wieder, wo sie die sexy Sandie sieht. Ob es Träume oder Halluzinationen sind, bleibt erst einmal unklar, entfaltet aber einen ganz eigenen Sog und überrascht mit seinem Mix aus Retroflair und Frauenpower.

"Last Night in Soho" gehört damit zu den Beiträgen bei den diesjährigen Filmfestspielen Venedig, die die lange gültigen Rollenverteilungen auf den Kopf stellen. Auch Penélope Cruz ließ sich in dem Wettbewerbsbeitrag "Competencia oficial" von Männergehabe nicht beeindrucken. Die Spanierin spielt in der Satire eine Regisseurin, die mit zwei Stars (einer davon verkörpert von Antonio Banderas) drehen will. Die Konkurrenz und das ständige Machtspiel der beiden nerven die Regisseurin schließlich so, dass sie die vielen Auszeichnungen der zwei Alphatiere kurzerhand in den Schredder schmeißt.

Hinter den Kameras tut sich im Filmgeschäft ebenfalls einiges. Auch als Regisseurinnen werden Frauen sichtbarer und bringen ihre eigenen Visionen auf die große Leinwand. Eine von ihnen ist die 40-jährige Ana Lily Amirpour, eine US-amerikanische Regisseurin iranischer Abstammung. Ihr Fantasyfilm "Mona Lisa and the Blood Moon" erzählt von einer jungen Frau mit übernatürlichen Kräften. Sie stammt aus Korea, floh einst in die USA und saß dort lange in der Psychiatrie. Dann aber kann sie entkommen und trifft in New Orleans eine Stripperin (Kate Hudson).

In "Mona Lisa and the Blood Moon" geht es ebenfalls um den weiblichen Körper als Lustobjekt, um Ausbeutung und Rache. All das inszeniert Regisseurin Amirpour allerdings mit einer eigenen Handschrift aus grellen Bildern und lauter Musik. Außerdem spricht sie nebenbei noch politisch und gesellschaftlich relevante Fragen an, feiert das Anderssein und den Zusammenhalt. Ihr Werk sticht damit in mehrfacher Hinsicht aus dem Wettbewerb heraus - nicht unwahrscheinlich, dass die Filmemacherin am Ende des Festivals ihren männlichen Konkurrenten einen der Hauptpreise wegschnappt.(apa/dpa)