Nicht alle Filme, die man beim Filmfestival am Lido zu sehen bekommt, kreisen um Familie und Kinder, aber viele. Dieser Trend (die "Wiener Zeitung" berichtete) setzte sich auch in der zweiten Festivalhälfte fort. In Florian Zellers Star-Vehikel "The Son" mit Hugh Jackman, Vanessa Kirby, Laura Dern und Anthony Hopkins dreht sich alles um die schwere Depression eines Halbwüchsigen, dem die überforderten Eltern mit gut gemeinten Ratschlägen, Verboten und Streit entgegentreten, bis es letztlich zur Katastrophe kommt. Die Innenwelt dieses Teenagers interessiert Zeller jedoch leider nicht, vielmehr die wenig inspiriert gespielte Sicht des Vaters (Jackman), der hier mit einem eigenen Jugendtrauma konfrontiert wird und über den der Regisseur den Konflikt zwischen den Generationen miterzählt. Zellers "The Son" gilt als einer der kommenden Hits der Awards-Season, er ist solide gemacht, aber er geht nicht ans Herz.

Ein Kind ertrinkt

Das schafft dafür Alice Diop in ihrem ersten Spielfilm "Saint Omer", den die Dokumentarfilmerin mit dem naturalistischen Stil ihrer sonstigen Arbeiten schnörkellos, aber hochemotional erzählt: In Frankreich steht eine Afrikanerin vor Gericht, weil sie ihr Kleinkind am Meer sich selbst überlassen hat und das Kind bei Ankunft der Flut ertrunken ist. Der Prozess nimmt einen großen Teil dieses Dramas ein, Alice Diop hat ihn einem realen Fall nachempfunden, der Frankreich 2013 erschüttert hatte und dem die Regisseurin damals beiwohnte. Durch ihre Augen, respektive durch die Augen einer schwarzen Zuschauerin im Gerichtssaal rollt Diop nüchtern die Fakten auf und generiert damit große Spannung; "Saint Omer" gehört zu den besten Filmen dieses Wettbewerbs - es ist schwer vorstellbar, dass die Jury unter dem Vorsitz von Julianne Moore bei der Preisverleihung am Samstagabend daran vorbeikommen wird.

Preisverdächtig: die Französin Alice Diop. - © Katharina Sartena
Preisverdächtig: die Französin Alice Diop. - © Katharina Sartena

Natürlich hat die Jury noch weitere Wahlmöglichkeiten für die Preisvergabe bei dem traditionell hochkarätigen Programm der "Mostra del cinema": Etwa eine famose Cate Blanchett in "Tar", wo sie sich in der Rolle einer Chefdirigentin in einer Männerdomäne durchsetzen muss. Oder "The Banshees of Inisherin" von Martin McDonagh, der launig das abrupte Ende einer lebenslangen Freundschaft zwischen Colin Farrell und Brendan Gleeson vor der Kulisse der Westküste Irlands verhandelt. Susanna Nicchiarellis Historiendrama "Chiara" folgt dem Leben der Heiligen Klara von Assisi und bildet den soliden Abschluss von Nicchiarellis Filmtrilogie über Frauenbiografien. Der französische Schauspieler Roschdy Zem ist in seiner neuen Regiearbeit "Les miens" als TV-Moderator mit Familienproblemen zu sehen, als sein Bruder bei einem Sturz starke Wesensveränderungen zeigt, die sich manifestieren. In "Beyond the Wall" des Iraners Vahid Jalilvand versteckt ein Blinder eine verfolgte Iranerin zunächst unwissentlich in seiner Wohnung, fühlt sich aber zu ihr hingezogen, als er sie bemerkt. Venedig ist aber auch bekannt für die großen Bio-Pics berühmter Persönlichkeiten. In diesem Jahr spielt die Netflix-Produktion "Blonde" von Andrew Dominik groß auf: Die Filmbiografie basiert auf dem im Jahr 2000 erschienenen gleichnamigen Roman von Joyce Carol Oates und zeigt die kubanisch-spanische Schauspielerin Ana de Armas in der Rolle von Marilyn Monroe. Eine Ikone des Kinos, der Popkultur, ein Sexsymbol aus einer Zeit, als man diesen Begriff noch ungestraft benutzen konnte.

Opulente Oper

Brad Pitt ist in seiner Eigenschaft als Produzent von "Blonde" angereist und posierte mit Regisseur Andrew Dominik. 
- © Katharina Sartena

Brad Pitt ist in seiner Eigenschaft als Produzent von "Blonde" angereist und posierte mit Regisseur Andrew Dominik.

- © Katharina Sartena

Dominik stattet "Blonde" aus wie eine opulente Oper, allerdings ohne Musik. Es gibt hier von allem etwas zu viel: von der Opulenz, dem Star-Kult, der versuchten Heiligsprechung Monroes als feministische Ikone und von ihren Drogenproblemen und dem JFK-Pantscherl. Diese Norma Jeane Baker wird auch schon von Kindestagen an begleitet, was einem Bio-Pic nur selten guttut. Aber dank Ana de Armas macht die Monroe in ihrer filmischen Wiederauferstehung eine durchaus gute Figur. Die Absenz ihres Vaters nutzt der Film, den Plot zwischen körnigem Schwarzweiß und Kodachrome-Charme mit einem Vaterkomplex zu durchsetzen. Ein paar provokante Szenen und explizit aufgegriffene Monroe-Mythen enthält der Film auch noch, aber es würde den Spaß nehmen, diese zu verraten. "Blonde" wird bereits Ende September im Programm von Netflix zu sehen sein und rechnet sich Oscar-Chancen aus, die hier vielen ähnlichen Filmporträts in der Vergangenheit zuteilgeworden sind. Mit einem kann man in Venedig rechnen: Es ist in Hinblick auf die Oscars der vielleicht beste Ort, um geeignete Kandidaten zu finden.