Weniger Worte braucht Alfonso Cuaron in "ROMA", seiner kritischen Betrachtung einer Mittelstandsfamilie im Mexiko des Jahres 1970, als dort das berüchtigte "Corpus-Christi"-Massaker stattfand, bei dem Dutzende protestierende Studenten von einer paramilitärischen Gruppe getötet wurden. Mit "Gravity" ist Cuaron Oscarpreisträger geworden, mit "ROMA", finanziert von Netflix, kehrt er zu seinen Wurzeln zurück: Es ist sein erster mexikanischer Film seit seinem Durchbruch "Y tu Mama Tambien" (2001).

Der Film schildert weniger eine Erzählung als vielmehr Situationen aus der Kindheit des Regisseurs, der in seinen eleganten schwarz-weißen Bildern vom Aufwachsen vor einem sehr politisch angespannten Hintergrund berichtet, jedoch ganz beiläufig auch auf Erinnerungsstücke fokussiert, die scheinbar unwichtig, nebensächlich waren. Diesen Hintergrund nach vorn zu holen, ist das Meisterstück Cuarons, der komplexe gesellschaftliche Strukturen der damaligen Zeit mit einer Leichtigkeit und Eleganz durchdringt, ohne dabei jemals unpräzise oder beliebig zu werden. "ROMA" hält sich dabei wie selbstverständlich an kaum eine gängige filmdramaturgische Linie, sondern wirkt wie ein langsamer, steter Fluss, eine optische Seitwärtsbewegung, zurück in eine mexikanische Kindheit. Das Bild der Figuren bleibt aber unkonkret: Vieles geschieht in Gruppen, die einzelne Figur hat keinen Stellenwert im Film, es sind die Bilder von außen auf die eigene Kindheit, die jeder in sich trägt, als könnte man aus der Vogelperspektive auf sich selbst schauen.

Heilung durch zwei Stahlnadeln im Gehirn

In die Enge des 4:3-Bildformats steckt Regisseur Rick Alverson seinen Film "The Mountain", eine Geschichte um einen Lobotomie-Arzt, der in den 50er Jahren davon überzeugt war, mit tiefen Schnitten ins Gehirn Patienten von Leiden wie Schizophrenie oder einfach nur Trotzigkeit zu heilen. Zwei Stahlnadeln mit scharfer Klinge werden oberhalb der Augäpfel ins Gehirn getrieben, dann werden sie bewegt und herausgezogen - die meisten dieser Patienten waren danach wirklich "geheilt", weil sie ob der schweren Gehirnzerstörungen gar nichts mehr tun konnten und Pflegefälle wurden. Ein 20-jähriger, verschlossener Mann wird hier zur rechten Hand des Lobotomie-"Spezialisten" (herrlich stoisch gespielt von Jeff Goldblum), dessen Stern aber bald im Sinkflug ist, als neue Psychopharmaka auf den Markt drängen.

Es ist ein dunkler Film über den Untergang geworden, und das lässt sich auch als Kommentar zum gegenwärtigen Amerika lesen, das auch wieder in dunklen Zeiten angekommen scheint.