Brutale Realität: "The Nightingale". - © Festival Venedig
Brutale Realität: "The Nightingale". - © Festival Venedig

Venedig. Die Jury beim 75. Filmfestival von Venedig hat es nicht leicht: So üppig wie dieses Jahr ist die Anzahl der preiswürdigen Filmbeiträge im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, der hier am Lido von Venedig am Samstagabend im Rahmen einer glanzvollen Gala vergeben wird, sonst nie. Bei all den hochkarätigen Filmen (und ihren Stars, die die Schlagzeilen beherrschen), sind einige beachtenswerte Filme regelrecht untergegangen. Das ist durchwegs problematisch: Es kann nicht das Ziel eines A-Festivals sein, sich darauf reduzieren zu lassen, Startrampe für Awards-Season und Streaming-Portalware zu sein, und darüber das künstlerische Weltkino zu übersehen, das nun anderswohin ausweichen muss, etwa nach San Sebastian.

Dem starken Wettbewerb geschuldet ist etwa, dass man die beiden österreichischen Arbeiten in Venedig beinahe gar nicht wahrgenommen hat: "Joy" von Sudabeh Mortezai ("Macondo") lief in einer Nebenreihe und erzählt vom Schicksal nigerianischer Sexarbeiterinnen in Wien; als Spielfilm mit Laien gedreht, zeigt der Film, wie eine erfahrene Prostituierte sich um einen Neuankömmling kümmern muss; die junge Afrikanerin wurde wie die meisten unter falschen Versprechungen nach Österreich gelockt und hat hier kaum mehr die Möglichkeit, die Enttäuschung zu korrigieren. Der zweite Beitrag stammt vom Argentinier Gastón Solnicki: In "Introduzione all’oscuro" zimmert dieser Filmemacher, früher oft zu Gast bei der Viennale, eine sehr persönliche Hommage an den verstorbenen Viennale-Direktor Hans Hurch, der im Film nur auf Fotografien zu sehen, dafür öfter auf Tonebene zu hören ist. Solnickis Hommage sieht aus wie ein Reisebericht, er filmt Wien zwischen Postkartenblick und persönlicher Erfahrung, es verschlägt ihn in die Lebenswelt Hurchs - vom Kaffeehaus bis ins Gartenbaukino. Eine schöne Hommage, die vor allem für Hans Hurchs Umfeld erinnerungswürdige Momente bietet.

Einzige Frau im Wettbewerb

Bevor Jury-Präsident und Vorjahres-Gewinner Guillermo del Toro die Qual der Wahl hat, die Sieger zu küren, nutzte er die Aufmerksamkeit dafür, kundzutun, dass er für mehr Gleichheit unter den Geschlechtern ist, ein Vorschlag, den das Festival dankend aufgenommen hat und nun künftig selbst für Parität bei seinen Mitarbeitern sorgen will; im Programm ist diese Parität jedenfalls noch lange nicht angekommen: Mit "The Nightingale" der Australierin Jennifer Kent ist nur ein Film einer Frau im Wettbewerb.

Der hat es allerdings in sich: Vielen Kritikern blieb ob der Brutalität des Dramas die Luft weg, etliche verließen den Saal. Kent erzählt von einer geschundenen Frau in der australischen Einöde des Jahres 1825, als sich britische Soldaten dort mit fieser Ausbeutung, Schikaniererei, Vergewaltigung und Mord ein Leben im Dauersuff bescherten; weil Clare (Aisling Franciosi) während ihrer eigenen Vergewaltigung durch einen Offizier mitansehen muss, wie ihr Ehemann per Kopfschuss stirbt und ihr Baby brutal ermordet wird, sinnt die völlig paralysierte Frau auf Rache. Gerade diese Szene war vielen nur schwer erträglich, hat aber wohl der grausamen Realität vieler Frauen jener Zeit entsprochen. Es ist daher gar nicht ausgeschlossen, dass Kent für ihr Drama einen Preis erhält.