Wien. Am 29. Juli war der Welterschöpfungstag. Mit diesem Tag hatte die Menschheit alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die die Erde innerhalb eines Jahres wiederherstellen und nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Der Stichtag für diesen sogenannten Earth Overshoot Day ist heuer wieder ein Stück nach vorn gerückt und liegt laut der NGO Global Footprint Networks erstmals im Juli. Inwiefern man beim Ressourcenverbrauch ansetzen muss, um die Ernährung sicherzustellen und gleichzeitig die Erderwärmung aufzuhalten, erklärt die deutsche Klimatologin Daniela Jacob im Interview mit der "Wiener Zeitung". Am 24. August ist sie als Vortragende des Panels "Bioökonomie - unverzichtbar für die Zukunftssicherung der Menschheit" beim Europäischen Forum Alpbach in Tirol zu Gast.

"Wiener Zeitung": Den Prognosen zufolge werden die meisten Staaten die Klimaziele von Paris, wonach die Erderwärmung bis 2100 gegenüber 1880 unter zwei beziehungsweise 1,5 Grad Celsius gehalten werden muss, nicht erfüllen. Ist der Klimawandel überhaupt noch aufzuhalten?

Daniela Jacob: Wir müssen ihn aufhalten. Wir müssen es schaffen, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Alles andere wäre extrem zerstörerisch. Jeder muss etwas tun. Emissionsvermeidung ist notwendig, und das müssen alle gemeinsam tun. Also die einzelnen Bürger, die Gemeinden, Kommunen, Städte und die nationale und internationale Politik.

Daniela Jacob ist Direktorin des Climate Service Center Germany in Hamburg und Gastprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät für Nachhaltigkeit. Zudem war sie eine der koordinierenden Leit autoren des Sonderberichts des IPCC über die Auswirkungen der globalen Erwärmung um 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. - © Christian Schmid
Daniela Jacob ist Direktorin des Climate Service Center Germany in Hamburg und Gastprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Fakultät für Nachhaltigkeit. Zudem war sie eine der koordinierenden Leit autoren des Sonderberichts des IPCC über die Auswirkungen der globalen Erwärmung um 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. - © Christian Schmid

Ein Stichwort, das im Zusammenhang mit Emissionsvermeidung immer wieder fällt, ist Bioökonomie: Dabei geht man davon aus, dass alle fossilen Ressourcen, auf denen die Wirtschaft basiert, durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. So könnte die Wirtschaft wachsen, ohne die Umwelt zu belasten. Aber ginge sich das rein flächenmäßig überhaupt aus?

Nur, wenn wir gleichzeitig energieeffizienter werden. Wir müssen uns überlegen, wo die großen Energieverbraucher sind. 30 Prozent kommen aus der Nahrungsmittelproduktion, das ist also ein sehr energieintensiver Bereich. Gleichzeitig wird jedes Jahr rund ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel weggeworfen oder geht entlang der Wertschöpfungskette verloren. Wir produzieren viel mehr, als verbraucht wird, und feuern dabei CO2 in die Atmosphäre. Wenn man hier ansetzt, könnte man schon einiges bewirken. Passiert das nicht, dann brauchen wir zu viel Landfläche. Dann tritt die Produktion von Biomasse wie zum Beispiel aus Mais in Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion - und da ginge uns weltweit der Platz aus. Wenn wir weiterhin so viele Ressourcen verbrauchen wie heute, werden wir es nicht schaffen.