In bunten Sportoutfits erkunden seine Performer Winkel, Nischen, Straßen: Der österreichische Choreograf Willi Dorner gehört mit seiner Kompagnie seit nunmehr 20 Jahren zu den Fixgrößen der heimischen Tanzszene und zu den international bekanntesten konzeptuellen Choreografen. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" beschreibt er seine Arbeit "It does matter where" für das Forum Alpbach (Eröffnung am Sonntag) in Form eines Seminars und einer Performance (19. August) sowie die notwendige Rückeroberung der Städte.

"Wiener Zeitung":In "It does matter where" wird mit Stühlen der urbane Raum okkupiert. Welche Intention steckt dahinter?

Willi Dorner:Was wir spüren auf welche Weise in einem Raum, was dieser in uns auslöst und was uns dieser Raum erzählt, der von Architekten eingerichtet wurde, um bestimmte Funktionen zu erfüllen. So gehen wir in Alpbach in den Raum und analysieren ihn. Mit diesem Projekt habe ich eigentlich begonnen: Ich war als Künstler 2007/08 ein Jahr an der Universität Nottingham in England eingeladen, um dort mit Studenten Architektur zu erarbeiten. Da sind wir mit zwei Sesseln, einem kleinen Tisch und einem Teppich in die Stadt gegangen und haben erforscht, wo wir uns überall hinsetzen können, egal ob Shoppingcenter, Parkplatz oder Verkehrsinsel. Das war die Ursprungsidee, auf die ich nach meinen weiteren Raumarbeiten zurückgegriffen habe.

Also Strassenbesetzungen mit Sesseln, die Sie international performen?

Ja, zum Beispiel in Deutschland: Ich habe drei Jahre lang den Bau eines neuen Stadtviertels begleitet, und dafür wurde ein neues Verkehrskonzept erstellt. Man hat dabei die Einfahrtsstraße in die Stadt verändert - ein großer Schritt. Als symbolische Handlung haben wir diese Straße besetzt, bevor sie aufgelöst wurde. Ich sehe diese Aktion heute immer mehr im Zusammenhang mit der Wiedereinnahme des öffentlichen Raumes durch den Menschen.

Sozusagen: Der Mensch muss sich seine Stadt zurückerobern?

Ja, gegen Privatisierung, gegen das Ökonomisieren von Räumen. Wir müssen in den Städten leben können, sie wachsen stetig, dort gibt es Arbeit. Da muss es nicht-ökonomisierte Räume geben.

Sie haben Straßen besetzt, das kann ja auch schon einmal unangenehm etwa für Autofahrer werden. Wie reagieren eigentlich Passanten?

Die Blockade in Deutschland war angekündigt. Ein paar Tage zuvor hingegen haben wir eine kleinere Blockade initiiert - wir haben sozusagen die Leute auf die kommende vorbereitet (lacht). Da waren die Reaktionen ganz unterschiedlich: "Seid ihr blöd" oder auch "plemplem". Andere wiederum fanden es lustig. Als wir uns auf eine Verkehrsinsel unter eine Ampel setzten, ist die Polizei stehengeblieben. Sie haben uns gefragt, was wir da machen. Wir haben eigentlich Schlimmes befürchtet, aber sie waren ganz locker.

Sie feiern heuer 20-Jahr-Jubiläum mit ihrem Ensemble "Cie. Willi Dorner". In Kooperation mit dem Impulstanz-Festival gab es eine Werkschau Ihres Schaffens mit Filmen, Fotos und Dokumentationen der Gruppe. Zurückblickend: Inwieweit hat sich ihr Schaffen in den 20 Jahren verändert?

Das Hervorstechendste ist, dass ich von der Bühne weg und in der Raumforschung hängen geblieben bin. Das hat sich auch visuell widergespiegelt. Meine Arbeit ist sehr phänomenologisch angesetzt und basiert auf Eigenerfahrung. Aber immer halte ich das Inszenieren von Situationen fest, die sich in Kurzvideos oder Filmen ausdrücken. Diese Arbeit wird stark rezipiert in der Architektur, der bildenden Kunst, auch in der Mode und in der Werbung. Man wird total gesehen, und man ist natürlich auch im Abwehrkampf.

Ein Abwehrkampf?

Dass etwa die Fotos nicht für alle und alles verwendet werden. Ein Phänomen unserer Zeit. Die Fotos kursieren im Internet. Es ist natürlich Werbung, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Aber es ist auch sehr ambivalent: Einerseits natürlich gut, andererseits ruft es andere Geister wach. Aber ich bin sehr glücklich über diese Entwicklung, die mir Angebote bis nach Taipeh ermöglicht oder auch eine Präsentation bei der Mailänder Modewoche. Die Arbeit läuft weiter und weiter und ist auch zu einer Marke geworden.